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Stadtanzeiger 28.08.02

Artikel im Stadtanzeiger vom 28.08.02
Copyright: Nürnberger Nachrichten

 

Enge Grenzen, kurze Sicht

Viele erleben "Queer-Gottesdienste" als Schonraum - Übung in Geduld

VON GABI PFEIFFER

Von solcher Hingabe können viele Kirchengemeinden nur träumen. Inbrünstig klingt es aus dem Heilig-Geist-Saal: "Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht, bringe ich
vor dich. Wandle sie in Weite, Herr erbarme dich." Was Lesben und Schwule beim "Queer-Gottesdienst" singen, mahnt als frommer Wunsch an ihre Nächsten.
Von Toleranz, von Akzeptanz oder gar "Normalität" - davon sind Homosexuelle in der Kirche weit entfernt. In der evangelischen Kirche gibt es zwar schwule und lesbische Pfarrer, aber in einem Haushalt mit dem Partner zusammenleben? Holger zuckt die Schultern: Geht leider nicht. Der 30-Jährige studiert Theologie und stellt sich darauf ein, seine Gemeinde zunächst als Single kennenzulernen. "Unter dem Label schwul will ich nicht sofort präsent sein." Outing? Später vielleicht. Eva sagt ganz offen:
"Lesbisch sein ist geduldet, lesbisch leben in der katholischen Kirche ein Kündigungsgrund." Die Pastoralreferentin hat sich für ein Doppelleben entschieden. "Damit kann man leben - bis zu einem gewissen Grad."

Der Grat ist schmal. So haben sich Holger und Eva gewünscht, dass ihre Namen geändert werden, weil ihre berufliche Zukunft sonst Schaden nehmen könnte. Eine Zukunft in und mit der Kirche. Umso mehr genießen sie den Schon- und Freiraum des Queer-Gottesdienstes, der seit eineinhalb Jahren regelmäßig am dritten Sonntag im Monat im Heilig-Geist-Saal stattfindet und bis zu 80 Besucher anzieht.

Vorreiter der "Queers" - englisch für Homosexuelle - war vor zehn Jahren Frankfurt. Ähnliche Gottesdienste gibt es auch in Stuttgart, Berlin und München - und eben in Nürnberg, wohin Gläubige aus ganz Nordbayern kommen. Niemand muss sich hier verstecken, und der Jüngling im "wet'n wild"-Shirt ist ebenso willkommen wie die Lesbe in Lederkluft. Über den Altar ist die Regenbogenflagge gebreitet, das bunte Erkennungszeichen der Schwulen und Lesben. Wer vermutet, dass sich deshalb alles um Homosexualität dreht, liegt falsch. "Wir wollten nicht nur die eigenen Wunden lecken", sagt Holger. Deshalb wird das Thema der Predigtordnung genommen und von drei bis fünf Gläubigen im Vorbereitungsteam ausgelegt. Wie heute ein Spruch des Propheten Hesekiel: "Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf." Dazu haben "die Bamberger" eine Szene vorbereitet.

Der junge René trägt schwer an seinem Rucksack. Egoismus, Partnerprobleme, Homophobie und Holocaust - zu groß ist die Last. Bald bricht er unter ihr zusammen. „Muss man Unglück als Strafe für die Taten der Eltern begreifen?“, fragt der Predigende. Er appelliert an eine Sicht aus der Gegenwart, an die eigene Verantwortung – und René beschließt, sich nur seine Probleme aufzubürden.

Dass dabei auch Deutschlands schlechtes Abschneiden beim Grand Prix d'Eurovision und die Fußball WM erwähnt werden, ist: typisch Szene. Locker und leicht versuchen schwule und lesbische Gläubige auch mit schweren Themen umzugehen. Denn die innerkirchliche Diskussion ist längst nicht so weit, wie es die Toleranz in den Gemeinden vielleicht nahelegt. Immer noch sind Frau und Mann, Adam und Eva, die Leitbilder, und zur gottgewollten Sexualität gehört die Fortpflanzung.

Selbst in der evangelischen Kirche, die inzwischen die Partnerbindung weit in den Vordergrund stellt. Und sich für Homosexuelle einsetzt. So gibt es einen Dekanatsbeauftragten für Schwule und Lesben - derzeit ist die Stelle vakant - alljährlich findet der Gottesdienst zum Christopher-Street-Day in St. Lorenz statt und bei den Queers teilen evangelische Pfarrer das Abendmahl aus. Werden sie mit Brosamen abgespeist? "In den letzten 20 Jahren hat es große Veränderungen gegeben", sagt Gerald (35), "in einer normalen Gemeinde hätten wir ringen müssen."

Bessere Taktik

Kirche ist eben auch eine Übung in Geduld und Ausweichen manchmal die bessere Taktik: Statt als Seelsorger in Gemeinden die befürchtete Gratwanderung auszuhal-
ten, gehen viele Homosexuelle lieber in den Schuldienst oder in die Kirchenverwaltung. Selbst einfache Gemeindeglieder plagt die Angst vorm Outing, und Erfahrungen wie die von René sind Ausnahme: "Meine Pfarrerin hat es bereits gewusst."

Ohne Rechtfertigungsdruck leben, ohne die Furcht vor Entdeckung lieben. Das wünschen sich die Queers und nehmen das im Bild Gottes "uns Vater und Mutter" voraus. Sie sprechen Jesus wie als Freund und Befreier an, ernennen den Heiligen Geist zur Ratgeberin und Trösterin. "Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich."

Copyright: Nürnberger Nachrichten

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