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Queergottesdienst am 21. Dezember 2003
Predigttext: Phil. 4, 4-7 “Freut Euch” - Predigt von Sabine Igel -
„Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Nochmal sage ich euch: Freut euch!“
Ohne dem Heiligen Paulus zu nahe treten zu wollen, muss ich zugeben:
Das erinnert mich ziemlich an das: „Fröhliche Weihnacht überall“, das aus den Lautsprechern des nahegelegenen Weihnachtsmarktes dröhnt.
Oder es erinnert mich an den verzweifelten Befehl meines Vaters, als die Familienstimmung am Heiligen Abend nach dem alljährlichen Weihnachtskrach meiner
Eltern auf dem Nullpunkt angelangt war: „Jetzt seid fröhlich – es ist schließlich Weihnachten!“
Nein, heiliger Paulus, da muss ich dir wiedersprechen: So auf Kommando freuen kann ich mich nicht, auch nicht an Weihnachten. Und doch wäre es so schön!
Es wäre schön, wenn zumindest an Weihnachten die Welt mal heil wäre, wenn wenigstens diese Festtage zufrieden und glücklich sein könnten, wenn es wenigsten
einmal nichts zu bejammern gäbe im Leben, was eben noch nicht so ist, wie es sein könnte. Wenigstens an Weihnachten!
Aber geht das so einfach, in dem Moment, wo der Christbaum leuchtet?
Paulus sagt uns: „Freut euch zu jeder Zeit!“ – also sogar nicht nur, wenn der Christbaum leuchtet, sondern immer!
Das finde ich ganz schön anspruchsvoll. Und dieser Anspruch wird von Nichtchristen an uns Christinnen und Christen auch gestellt:
Friedrich Nietzsche, der selbst nicht an Gott glaubte, hat einmal gesagt:
„Wenn sie nur etwas erlöster aussehen würden, diese Christen, dann könnte man ihnen leichter glauben.“
Da muss ich ihm Recht geben, dem Herrn Nietzsche: So viel Freude strahlen die normalen christlichen Gottesdienste nicht gerade aus! Wo ist da die Freude über
die angebliche Erlösung zu spüren? Was bringt eine Religion, die das Leben nicht leichter, erträglicher, freudiger macht?
Also hat Paulus Recht: Wir sollen uns, ja wir müssen uns sogar freuen, wenn das Christliche nicht nur eine leere Hülle sein will.
Ich kann, ich muss mich freuen, wenn ich Christin bin! – aber: Warum denn?
Ich habe mal nachgeschaut, welche Gründe Paulus selbst im Philipperbrief für seine Freude angibt. Und das Ergebnis hat mich schon etwas beeindruckt:
1. Als Paulus etwa im Jahr 55 n.Ch. den Philipperbrief schrieb, aus dem wir die Lesung gehört haben, saß er in Ephesus im Gefängnis und ich kann mir
vorstellen, was das damals für elende Löcher waren. Paulus aber scheint einen intensiven Kurs zu positivem Denken gemacht zu haben: Er findet es klasse, dass er im Gefängnis sitzt, weil gerade dadurch
die Botschaft von Christus im römischen Militär bekannt wird. Paulus interpretiert das Leid, das er gerade durchstehen muss, 100% sinnvoll und positiv, und denkt überhaupt nicht daran, zu jammern.
=> Freudensgrund Nr. 1: Aus Leid kann etwas Gutes entstehen.
2. Außerdem fühlt sich Paulus absolut sicher. Ihm kann gar nichts Negatives geschehen. Wenn er sterben sollte, ist er bei Christus – und was könnte es
schöneres geben? – und wenn er weiterleben sollte, dann kann er weiter für die Sache Jesu auf der Welt kämpfen und sich für seine jungen Gemeinden einsetzen. Also, wo ist das Problem? Beide
Möglichkeiten sind gut!
=> Freudensgrund Nr. 2: Egal was geschieht, es ist gut!
3. Aber das war noch nicht alles: Der Kurs für positives Denken geht noch weiter:
Paulus stört es auch nicht, dass – während er im Gefängnis sitzt – einige Prediger aktiv wurden, die das Evangelium nicht aus Liebe, sondern aus
unlauterer Absicht, z.B. aus persönlichem Ehrgeiz verkünden.
„Was soll´s?“ fragt Paulus, „Hauptsache das Evangelium wird überhaupt verkündet.“
=> Freudensgrund Nr. 3: Die Gute Nachricht breitet sich aus!
Paulus, es mag ja sein, dass das deine Gründe zur Freude sind.
Aber mir ist das alles zu heilig:
- Ich finde so manches Leid nicht sinnvoll, sondern einfach nur lästig.
- Ich will auch nicht lieber sterben, um bei Christus zu sein.
- Und mir ist es überhaupt nicht egal, wenn das Evangelium so verkündet wird, dass damit andere Menschen unterdrückt und diskriminiert werden.
Zum Glück findet Paulus noch einen vierten, ganz normalen Grund zur Freude:
4. Paulus freut sich über ein Geschenk, das die Gemeinde von Philippi ihm ins Gefängnis geschickt hat. Er freut sich darüber, dass sich seine Freundinnen und
Freunde um ihn kümmern. Das kann ich verstehen! Das ist wirklich ein Grund zur Freude, nicht nur an Weihnachten.
=> Freudensgrund Nr. 4: Ich bekomme Geschenke. Geliebte Menschen kümmern sich um mich.
Das Problem ist nur: Über Geschenke und Zuneigung freuen sich alle Menschen. Dafür muss ich nicht Christin sein. Aber ich war doch vorhin auf der Suche nach den christlichen Gründen
zu Freude. Also wird uns nichts anderes übrig bleiben, als doch nochmal über die anderen drei Freudenquellen des Paulus nachzudenken:
3.) Ich beginne mit dem dritten Freudensgrund: Das Evangelium wird verkündet, egal wie und von wem.
Heißt konkret: Das Evangelium wird nicht aus Liebe verkündet, sondern aus anderen Motiven, z.B. um die priesterliche Macht zu erhalten, um zu zeigen, wie
gescheit oder wie heilig man doch ist, oder um Punkte für das ewige Leben zu sammeln.
Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auch ich das Evangelium selten nur aus Liebe verkündet habe. Auch ich möchte eine gute Predigt
halten, um mir selbst auf die Schulter klopfen zu können. Auch mir dient die Theologie auch zum persönlichen Erfolg. Ist das bei irgendjemand anders? Schon gar nicht bei Paulus: Als ich den
Phillipperbrief las, hatte ich den Eindruck, dass auch Paulus ganz schön von sich überzeugt war und seine Missionserfolge auch sein Selbstbewußtsein stärkten! – Und doch wird das Evangelium als
Gute Nachricht verkündet. Wir alle haben sie von Menschen gehört, die vielleicht auch aus eigennützigen Gründen davon sprachen. Das ist menschlich und normal.
Kirche – egal welche – ist immernoch der Ort, wo das Evangelium verkündet wird. Auch wenn es manchmal sosehr verbogen wird, dass das Gute der
Nachricht kaum noch sichtbar ist, birgt Kirche zumindest die Chance, dass über die Geburt und das Leben Jesu nachgedacht wird. Auch wir hier im Queergottesdienst haben diese Chance, uns von einem göttlichem Leben zu erzählen und uns darin zu bestärken, wenngleich manchmal auch bei uns nicht ganz so heilige Motive dazu führen, dass wir zusammenkommen.
Diese kirchliche Gemeinschaft ist für mich aber sicher ein Grund zur Freude.
Und welche freudige Nachricht sollen wir uns erzählen? Paulus schlägt uns noch zwei Freudensgründe vor:
Freudensgrund 1.) Aus Leid kann etwas Gutes entstehen.
Freudensgrund 2.) Egal was geschieht, es ist gut. Selbst Sterben ist Gewinn.
Ich halte diesen Gedanken für schwierig. Zuviel wurde in der christlichen Tradition das Leid verherrlicht und als erstrebenswert hingestellt. Ich nehme auch
nicht an, dass Paulus freiwillig ins Gefängnis gegangen ist, weil er so gerne für Christus leidet.
Nein, vielleicht möchte uns Paulus etwas anderes damit sagen: Es ist eine tiefe Geborgenheit und Zuversicht, die er durch die Auferstehung Jesu gelernt hat
. Es ist die Zuversicht, dass ihm – egal was geschieht – nichts Schlimmeres passieren kann, als dass er in die Hände Gottes fällt. Diese Zuversicht finde ich bewundernswert. Sie hilft, unsere Bitten in jeder Lage mit Dank vor Gott zu bringen. Mit Dank deshalb, weil wir wissen, dass Gott sich um uns kümmert. Und wenn dir ein einsames oder trauriges Weihnachtsfest bevorsteht, dann wird sich Gott um dich kümmern. Du wirst Menschen finden, mit denen du genau diese Zuversicht erfahren und feiern kannst – vielleicht sogar hier in unserem Gottesdienst.
Gott kümmert sich um das ärmliche Kind in der Krippe. Er schickt ihm Engel und Hirten und Könige zur Hilfe. Dann wird er auch dir helfen. Dann werden die
Dornen Rosen tragen!
Ist das nicht genug Grund zur Freude?
Amen
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