Predigt
3. Advent 2002
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Matthäusevangelium, Kap. 11,2-6:
Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf
einen andern warten?
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und sehrt: Blinde sehen und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und
Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Liebe Gemeinde,
vor ein paar Jahren erschien ein Buch mit dem Titel: „Das Jesus-Video.“ Vielleicht hat der geheimnisvolle Titel dazu beigetragen, dass das Buch ein
Verkaufsschlager wurde. Vor ein paar Tagen lief sogar die Verfilmung im Fernsehen. Die Pointe des Werkes ist schnell zusammengefasst: Ein Archäologe entdeckt bei Ausgrabungen in Israel eine Leiche, neben
der eine Videokamera liegt – die Leiche, so wird mit modernster medizinischer Technik festgestellt, war ein Mensch aus unserer Zeit, gestorben aber zur Zeit Jesu! Wie kann das sein? Nun, es handelt
sich um einen Zeitreisenden, der sich mit seiner Kamera auf den Weg gemacht hat, Jesus zu filmen. Ein interessantes Projekt: Einmal hautnah dabei zu sein, einmal alles, was wir nur aus den schriftlichen
Berichten der Bibel kennen, wirklich mitzuerleben, live und direkt, vor Ort, mit den Menschen von vor 2000 Jahren ein Gespräch zu führen...
Eine Zeitreise....
Ein Sprung zurück ins Jahr 28 nach Christus...
Hallo?! Hallo, hört mich jemand?! Die Verbindung ist sehr schlecht... Ich kann Sie nicht hören. Hallo?! Na, ich hoffe, dass wenigstens Sie mich hören. Es
rauscht und knistert in der Leitung. Na, kein Wunder, die muss ja auch 2000 Jahre überwinden
Ich will Ihnen schildern, wo ich bin: Es ist ein sehr unwirtlichen Ort, ein dreckiges, stinkendes Loch, menschenunwürdig. Lehmboden, etwas Stroh in der Ecke,
das ist alles. Ich befinde mich in einem Gefängnis in Jerusalem, das König Herodes für seine persönlichen Gefangenen einrichten ließ. Mit der Außenwelt verbindet ihn ein kleines Fenster, das sich auf ca.
zwei Meter Höhe fast an der Decke des Raumes befindet. Hier können Verwandte und Freunde etwas zu essen und zu trinken vorbeibringen, denn verpflegt werden die Gefangenen hier nicht. Und nur so ist es
ihnen auch möglich, mit jemandem zu sprechen. Hier wird Johannes der Täufer gefangen gehalten, der Mann, der als Asket in der Wüste das kommenden Gottesreich predigte, der zur Buße aufgerufen hat
angesichts des nahenden Gerichts. Und deshalb sitzt er auch hier, als prominentester der persönlichen Gefangenen: Er ist nicht davor zurückgeschreckt, auch die Ehe des Königs anzugreifen, denn dieser ist
mit seiner Schwägerin verheiratet, was Johannes aufs Schärfste verurteilte.
Johannes sitzt mir gegenüber auf dem Stroh, er trägt noch seinen Kamelhaarmantel, hat lange Haare und einen Bart.
- Johannes, wie geht es dir?
- Blöde Frage! Schlecht natürlich. Du hast doch gerade beschrieben, wie es hier aussieht! Und Aussichten, hier lebend rauszukommen, habe ich auch nicht. Ich habe
verloren. Herodes und seine Mannen sind stärker. Aber das beschäftigt mich gar nicht so sehr....
- Sondern?
- Ich habe Jesus eine Nachricht zukommen lassen...
- Wie geht das denn, hier aus dem Gefängnis?!!
- Na, man hat so seine Leute, das klappt schon! Also, ich habe so viel davon gehört, was draußen so los ist, dass Jesus mit seiner Botschaft ganz schön Furore macht und
ich wollte einfach von ihm selber wissen, was da dran ist. Ich habe ihn ja kennen gelernt, als ich noch draußen war. Ich habe ihn getauft. Und jetzt dringt an meine Ohren, dass mit diesem Jesus aus
Nazareth das Reich Gottes angebrochen sei. Na, und ich wollte dem Gerücht auf den Grund gehen. Du weißt ja sicher selbst, dass man Gerüchten oft nicht trauen kann. Aber ich will es wissen. Ich kann
mir auf das alles keinen Reim machen...
- Keinen Reim machen? Wie meinst du das?
- Keinen Reim machen heißt keinen Reim machen!!! Ich verbringe Jahre meines Lebens in der Wüste, ernähre mich von Heuschrecken und wildem Honig, werde von den Menschen
begafft, verspottet und bespuckt, nur weil ich die Wahrheit über sie sage: Dass sie Schlangenbrut sind, dass auch sie dem Zorn Gottes nicht entgehen werden, denn die Axt ist schon angelegt an die
Wurzeln der Bäume! Jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen! ‚Tut Buße!’ habe ich immer wieder gerufen, ‘Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe
herbeigekommen!’ Aber ich glaube langsam, niemand hat mich gehört...
- Ja, der Rufer in der Wüste!
- Verhallt sind meine Worte! Ich habe doch vom nahenden Gottesreich geredet, von Umkehr und Buße! Und jetzt sag du mir mal, wie ich mir da einen Reim darauf machen
soll, wenn jetzt dieser Jesus sagt, dass mit ihm das Gottesreich gekommen ist! Mit ihm! Mit dieser sanften Tour! Mit ihm, mit dem Fußwäscher Jesus! Gescheit den Kopf gewaschen gehört den Leuten,
sonst nichts!
- Ich glaub, ich verstehe, was du meinst. Du bist als Prophet aufgetreten, ganz in der Tradition des Alten Testamentes und wolltest die Menschen zur Buße bewegen, dass
sie einsehen, was in ihrem Leben falsch läuft und dass sie es ändern sollen. Dass sie endlich aufhören sollen, sich zu betrügen und zu belügen. Und vor allem, dass Gottes Gericht sie erreichen wird!
Gerade die, die sich für besonders fromm halten, denen hast du ja den Spiegel vorgehalten und gesagt: Seht zu, dass ihr euren Sinn ändert und dann auch euren Lebensweg!
- Und vor allem habe ich immer auf den Kommenden hingewiesen, den Finger habe ich erhoben und gesagt: Nicht ich bin der, auf den die Welt wartet! Der nach mir kommt,
der kommt noch gewaltiger! Ich taufe euch mit Wasser, aber er wird euch mit heiligem Geist und Feuer taufen. Der wird so richtig die Spreu vom Weizen trennen!
- Ja, und was ist jetzt mit der Nachricht? Was hast du Jesus gefragt?
- Na, ich wollte Klarheit! Ich habe meine Jünger zu ihm geschickt und sie sollten ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?
- Und?!
- Ich habe gesagt, dass ich wissen will, was jetzt zählt! Ich will wissen, worauf es ankommt! Ich hör ja hier in meiner dunklen Höhle ne ganze Menge und ich habe Jesus
ja auch draußen erlebt, seine Werke, die Wunder, die er vollbracht hat. Die Heilungen. Seine Rede von der Sanftmut. Das hat mich schon nachdenklich gemacht. (Pause) Und jetzt hock ich hier in diesem
Drecksloch. Hab nix mehr. Hab nix mehr zu verlieren. Nur noch mein Leben...Ich will jetzt wissen, was Sache ist! Was ist auf sich hat mit diesem Gottesreich ....
- Und?!
- Er hat mir nicht selbst geantwortet. Meine Leute sollten mir berichten von dem, was sie erleben, was sie hören und sehen. Und sie sagten: Blinde sehen wieder,
Gelähmte gehen umher, Aussätzige werden rein und taube Menschen können hören. Tote werden auferweckt, zu den Armen wird die Botschaft der Freude gebracht. Und Jesus selbst hat ihnen noch gesagt:
„Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ Na, und ich hab mich geärgert - das weiß ich doch alles!!! Das ist doch nix Neues! Die Frage ist doch: Was heißt das jetzt, was bedeutet das? Ist
das nun der Beginn der großen Wende, von der zu predigen mir aufgetragen war? Ist das die große Alternative zur bisherigen Welt- und Menschengeschichte? Hat Gott sie selbst in die Wege geleitet?
Und ist Jesus der, der diese Wende, die große Alternative in Szene setzen soll? Ich wollte aber ne klare Antwort: Ja oder nein?! Bist du’s oder bist du’s nicht? Und jetzt diese Gerede!
- Du hast dir den, der da kommen soll anders vorgestellt?! Mächtiger? Gewaltiger? Mit Pauken und Trompeten? Einer, der mal so richtig reinhaut in den ganzen Laden. Aber
Jesus ist tatsächlich der Fußwäscher. Gibt sich ab mit den armen Schweinen, mit denen, die nix haben, mit den gescheiterten Existenzen, mit den Gaunern und mit den Kindern. Das ist für mich auch
schwer zu verstehen. Auch heute wünsche ich mir manchmal ein Donnerwetter. Und wenn Jesus zu mir gesagt hätte: Berichte dem Johannes, was du siehst und hörst, na, dann hätte ich gesagt: Ich hörte,
wie Sharon den Rückzug aus den besetzten Gebieten versprach und Arafat die Bekämpfung des Terrors; und ich sah Tote auf den Seiten der Israelis und Palästinenser. Ich hörte, dass in
noch keinem Jahrzehnt so viele Menschen verhungert sind und dass man bald auch in Osteuropa Butterberge und Milchseen besichtigen kann. Und ich sah natürlich auch Flugzeuge in zwei Hochhäuser stürzen. Ähnliches hätten dir deine Jünger auch erzählen können. Und wenn ich mir das alles so überlege, dann frage ich mich doch: Ist das nicht alles nur Flickwerk, was wir hier machen, ein bisschen Schönheitskorrektur, ein bisschen Farbe drauf und dann paßt’s schon wieder. Hier und da eine Sozialstation, vielleicht ein Asyl für Wohnungssuchende, eine Suppenküche und die jährliche Sammlung für Brot für die Welt. Johannes, ich ärger mich auch!
- Die Zeiten werden nicht besser?
- Die Zeiten werden nicht besser. Aber deine Leute haben das Gerücht bestätigt und das Gerücht hat sich gehalten: Das Himmelreich kommt auf dich zu und du bist schon
längst mitten drin. Das verbreitet sich heute auch noch, vielleicht schleppender als bei euch hier, aber immerhin: Menschen sprechen immer noch davon, dass man – gleich, ob frei oder gefangen,
blind oder sehend, arm oder reich – nur solcher Gottesnähe vertrauen muss. Dann ist man wirklich frei, wirklich sehend, wirklich reich.
- Ja gut, du Weitgereister, und was heißt das: ‚wirklich frei’? Ich hocke hier im Gefängnis, ich gehöre zu den Verlierern! Was ist denn nun die frohe Botschaft?!?!
- Ach Mensch Johannes... Ich glaube, dass das Gerücht vom Reich Gottes mitten unter uns sich so lange gehalten hat, weil es Hoffnung streut. Weil die Hoffnung so
wichtig ist wie Brot und Wasser. Und weil das Gerücht in die richtige Richtung weist: Die Teufel werden nicht ewig herrschen, ihr Sturz kündigt sich an. Die Nacht hat ein Ende. Und unser Job ist es,
dieses lebensnotwendige, überlebensnotwendige Gerücht am Leben zu halten, es weiter zu verbreiten. Verlieren wird die gute Nachricht gepredigt – ich glaub, das heißt, dass wir nicht von einem
Jesus in einer fernen Welt jenseits der Wolken reden sollen, der dir sagt: Was du hier erduldest, wird dir dort vergolten, und auch keine schnelle Antworten geben sollen: „Du hast kein Abi? Du hast
deinen Job verloren? - Jesus liebt dich!“ Ich denke, das Gerücht, das wir am Leben erhalten müssen, erzählt Verlierergeschichten, handelt von Verlierern, denen geholfen wird: Blinde sehen und
Lahme gehen, gescheiterte Schüler erhalten eine neue Chance, Aussätzige werden rein und Taube hören, Eltern und Lehrer tun sich zusammen und entdecken gemeinsam Alternativen zum bescheuerten System,
bevor wieder einer... und auch die Toten werden nicht unter Blumen und Staub vergraben und entsorgt, sondern sie stehen auf, melden sich zu Wort, bleiben im Gespräch – weder von Gott noch von
den Menschen vergessen. Und Verlierern wird die gute Nachricht gepredigt: das Himmelreich kommt auf dich zu und du bist schon längst mitten drin. Und das heißt: Es gibt Alternativen. Es gibt genug
Alternativen. Das Reich Gottes darf auch herbeigesponnen, herbeigeträumt, herbeierfunden werden – zumal im Gefängnis, zumal in einer Welt, die keine Alternativen mehr kennt und duldet.
Hier ist leider die Verbindung abgebrochen. Wir wissen nicht, wie das Gespräch zwischen Johannes und dem Zeitreisenden zu Ende gegangen ist. Aber ich habe
Lust Johannes zum Abschied noch etwas zuzurufen über die Jahrtausende hinweg:
Ach, Johannes, lass dir gesagt sein: Du bist auch noch in 2000 Jahren in unserem Leben, du bleibst in unserem Leben, so wahr Gott in deinem und in unserem
Leben bleibt. Wir werden mit dir essen und trinken, Feste feiern und Lieder singen. Mag auch Herodes sich vor ohnmächtiger Wut in den Hintern beißen: Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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