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Predigt Dezember 2001

Dezember 2001

Predigt zu Lukas 2, 15-19

Na, habt Ihr die beiden noch im Ohr: „Das ist wie aus einer Welt, die es nicht mehr gibt...“ Der sehnsüchtige Blick auf das kleine Häuschen, das erleuchtete Fachwerkhaus, das in der Vorweihnachtszeit besonders heimelig leuchtet, Wärme und Geborgenheit verspricht, eine heiße Tasse Tee, ein lieber Mensch, der auf einen wartet; Ruhe und Frieden ...

Vielleicht werden Erinnerungen wachgerufen, Kindheitserinnerungen an die Zeit vor dem Fest, in der man gerade davon viel hatte: Zeit. Zeit Wunschzettel zu schreiben, Zeit sich zu freuen, Zeit aufs Christkind zu warten, Zeit für die eigene kleine Welt, für die eigenen Träume.

Eine Zeit in der man noch nicht wie unser Pärchen im Weihnachtsstreß versunken ist, umgeben von Wunschzetteln, die jetzt besser ‘ich - brauch - noch - ein - Geschenk - für - Tante - Hedwig - Zettel’ heißen müßten, und umgeben von den eigenen Ansprüchen an diese Zeit, sie mit den liebsten Menschen verbringen zu können, was, wie gesehen, ja auch immer wieder zu Konflikten führen kann

„Das ist wie aus einer Welt, die es nicht mehr gibt...“ Dieser Satz drückt den sehnsüchtigen Blick zurück aus, den Blick zurück in diese Zeit des Wartens und der Vorfreude, in der alles möglich war, aber nichts geschehen mußte. Eine Zeit, die erfüllt war von dem Gedanken, von der Gewißheit sogar, daß das Fest kommen wird, daß das Christkind kommen wird, es wird Geschenke bringen - ob alle gewünschten dabei sind, dessen konnte man nicht gewiß sein, aber es wird Geschenke bringen!

Noch einmal ein Blick zurück: In welcher Welt lebte Maria? Wohl im wahrsten Sinne des Wortes in freudiger Erwartung, als sie schwanger war und wohl mehr ahnte als wußte, daß da etwas ganz Besonderes auf sie zukam. Und als ihr Sohn geboren war, kommen die Hirten zu ihr und berichten was sie von den Engeln über eben diesen gehört hatten, daß er eine große Freude für die Welt sei, daß er der Heiland ist, der Retter. Und Maria? Sie „behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Sie hatte es wohl nicht eilig, keine Spur von Weihnachtshektik - klar, Weihnachten war ja auch noch nicht erfunden! Sie hatte Muße und Ruhe, über alles nachzudenken, alles was sie erfahren hatte, in ihrem Herzen zu bewegen, bis es einen Sinn ergeben würde, bis sie daraus schlau werden würde. Vielleicht spürte sie in sich einen Funken, eine Ahnung von einer anderen Welt, die kommen könnte, von einer Welt, die es so noch nicht gegeben hat.

„Sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Maria war vorfreudig. Ihr Sohn Jesus war geboren, und sie ahnte, daß mit ihm eine andere Welt beginnen würde. Sie hatte es selbst von einem Engel erfahren und nun berichteten die Hirten das gleiche: Himmlische Wesen, Wesen aus einer anderen Welt gleichsam hatten es ihnen erzählt, hatten von ihrem Kind, ihrem Sohn Jesus gesprochen, sagten, daß er der Retter, der Herrscher der Welt sein wird, daß sein Reich kein Ende nehmen wird.

Maria nahm sich Zeit und dachte nach, bewegte die Worte in ihrem Herzen, sinnierte über diese neue Welt, die da anbrechen würde mit der Geburt Jesu. Vielleicht hat sie gedacht: „Das alles, was ich gehört habe, was ich erlebt habe, ist wie aus einer Welt, die es noch nicht gibt...“

‘Die es noch nicht gibt!’

Nicht der Blick zurück, nicht die Sehnsucht nach der guten alten Zeit hat Maria bewegt, sondern der erwartungsvolle Blick nach vorn war in Marias Herzen, der Blick auf das was kommt, die Sehnsucht nach einer Welt, die es noch nicht gibt!

Nicht der Blick zurück auf das heimelige Häuschen mit den erleuchteten Fenstern, sondern der Schritt raus aus dem Häuschen - „Macht hoch die Tür!“ - und dem entgegen, was da kommt! Die neue, die andere Welt, die zu uns kommen will, die Frieden und Gerechtigkeit verheißt, die sagt: „Es geht auch anders, es geht auch in Liebe und Geschwisterlichkeit!“

Das findet Ihr jetzt pathetisch, zu weit hergeholt, gerade in den Zeiten, in denen uns der Krieg nahe rückt sogar zynisch?

Na gut. Es ist ja auch noch Vorweihnachtszeit - Advent: Er kommt!

Vielleicht sollten wir auch noch im Häuschen sein, erwartungsvoll innehalten, gerade angesichts des Krieges einen Moment verharren, noch einmal all die Worte in unseren Herzen bewegen, die Verheißung ernst nehmen, die Träume und die Ahnung der anderen Welt, des neuen Jerusalems, des neuen Himmels und der neuen Erde wiederbeleben, bis Kraft und Mut uns hinaustreten lassen aus dem heimeligen Häuschen...

Bis dahin wünsche ich uns Zeit, aufs Christkind zu warten!

Amen

 

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