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Queergottesdienst am Sonntag, den 21. November 2004
Predigt zu Offenbarung 21, 1-7 (8):
Als Jugendliche musste ich morgens mit dem Stadtbus zur Schule fahren. Auf der Strecke gab es eine Haltestelle, die hieß: „Weg zur neuen Welt“.
Und da der Bus an dieser Stelle eigentlich immer im Stau stand, hatte ich genug Zeit, mir diesen „Weg zur neuen Welt“ vom Bus aus zu betrachten. Soweit ich das sehen konnte, endete der Weg im Wald,
oder besser in der Pampa. Und ich fragte mich immer, wo oder was da die „neue Welt“ sein sollte. Bis ich irgendwann einmal erfuhr, dass die „neue Welt“ ein Biergarten unter Bäumen ist.
Naja, für einen Stadtmenschen, der hier ein gemütliches Bier trinken will, kann das schon ein bisschen „neue Welt“ sein, wenn auch nur ein bisschen.
Die Sehnsucht
nach der „neuen Welt“ jedenfalls, scheint ganz menschlich zu sein, sonst gäbe es solche Staßennamen nicht. Immer wieder befällt Menschen der Wunsch auszuwandern, in eine neue Welt, in der alles ganz anders und viel besser ist. Heutige Menschen müssen für eine solche Traumreise nur den Fernseher anschalten und die Feierabendsoap anschauen.
Antike Menschen lasen die Offenbarung des Johannes.
Denn die Bilder, die hier verwendet werden, erscheinen mir etwas irreal, fast kitschig:
Schon allein dieser Enterprise-Auftritt: wie sich das neue Jerusalem von Gott her auf die Erde niedersenkt. Gott „wird alle Tränen aus ihren Augen wischen, es
wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage, keinen Schmerz....“
Schön, einfach nur schön sind diese Bilder. Und es tut gut, von so einer schönen, heilen Welt auch nur zu träumen.
Historisch gab es für diesen Text einen ganz trifftigen Grund:
Das alte Jerusalem war im Jahre 70. n. Chr. von den Römern zerstört worden. Man brauchte also wirklich ein „neues Jerusalem“. Und der Kaiser Damitian
ließ sich als „Herr und Gott“ verehren. Wer sich dem wiedersetzte, wurde umgebracht...
Es drohte also eine riesige Christenverfolgung.
Vor diesem Hintergrund wird klar, was Johannes mit seiner Vision eigentlich wollte.
Er schreibt nämlich: „Nur wer durchhält bis zum Siege, der wird dies alles gewinnen.“
Die neue Welt kommt also erst am Ende des bitteren Endes.
Johannes wollte den sieben Gemeinden in Asien, an die er schreibt, einen Grund geben, warum es sich lohnt, sich wegen dem Glauben an Christus umbringen zu
lassen.
Die Offenbarung des Johannes ist so etwas wie eine Durchhalteparole in schweren Zeiten: Nur wer durchhält, wird gewinnen!
Und um die Motivation nicht nur mit Zuckerbrot anzuheizen, sondern auch mit Peitsche, kommt im Anschluss an unseren Text noch eine Drohung hinterher. Johannes
schreibt im nächsten Satz, den wir natürlich nicht mehr vorgelesen haben:
„Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner – ihr Los wird der See von
brennendem Schwefel sein.“
Hier wird der Druck also noch etwas erhöht: Du kannst wählen: Entweder du bleibst bei Christus, wenn du aber lügst, dann wirst du nicht nur nicht in die neue
Welt kommen, sondern – ganz anders – in den See von brennenden Schwefel. Die Entscheidung soll dir nach solch einem Text leicht fallen.
Und doch – denke ich mir – ich hier nichts anderes am Werk als das uralte Modell der Jenseitsvertröstung! Am Ende, wenn du dich hier in der „alten
Welt“ im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode gelitten hast, dann wirst du in der ewigen Glückseligkeit enden... Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob mir das genügen würde oder ob ich nicht doch den
Kaiser Damitian angebetet hätte...
Jenseitsvertröstung allein reicht den Menschen von heute schon lange nicht mehr als Motivation für das Christentum.
Und zum Glück muss es das auch nicht. Zum Glück muss uns die Jenseitsvertröstung allein nicht genügen.
Zum Glück müssen wir uns nicht nur mit der Seifenoper am Feierabend zufrieden geben. Gottes neue Welt ist nämlich nichts für irgendwann. Sie ist schon da.
Durch Jesus Christus wurde klar:
Gott, mit seinem Frieden und seinem Glück ist schon hier bei uns. Die neue Welt, das Reich Gottes, ist zumindest schon angebrochen, wenn auch oft nur ein
bisschen.
Ja, wo denn? Ist jetzt die zwingende Frage: Wo ist denn ein bisschen zu sehen, von der neuen Welt? In der Vorbereitungsgruppe haben wir uns ein paar
persönliche Beispiele überlegt.
Gottes neue Welt ist angebrochen,
- wenn ein Problem, dass mich ewig lang gequält hat, endlich gelöst ist
- wenn ich ein Coming out geschafft habe
- wenn ich im Nachhinein erkenne, dass es doch gut war, dass es so gekommen ist
- wenn ich mich in einer menschlichen Katastrophe an Gott festhalten kann
- wenn Menschen mal nicht egoistisch sind
- wenn der Queergottesdienst doch noch eine neue Bleibe findet
- und wenn die Wandergruppe vom Queergottesdienst nachts durch den Wald tappt, weil sie nicht mit dem früheren Einbruch der Dunkelheit gerechnet haben und
dann alle zusammenhelfen, selbst die, die vorher eigentlich keiner gekannt hat, und sie gemeinsam zum Ziel kommen.
Das sind Beispiele für eine Neue Welt; zumindest ein Lichtstrahl der neuen Welt ist hier bereits gegenwärtig. Und jede und jeder kann vielleicht noch
eigene Beispiele dazufügen.
Gottes neue Welt ist bereits unter uns, zwar noch nicht so perfekt, wie sie sein könnte, aber doch schon etwas.
Und meine Sehnsucht ist das, was mich antreibt, um auf dem Weg zu bleiben, in eine neue, bessere Welt. Meine Sehnsucht vertröstet mich nicht auf das Jenseits,
sondern sie motiviert mich, um weiterzugehen und weiterzuarbeiten, damit ein bisschen von Gottes neuer Welt jetzt schon unter den Menschen sichtbar wird.
Bleiben wir auf dem „Weg zur neuen Welt.“ und zwar gemeinsam, als Gemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen und motivieren.
Mit Gottes Hilfe.
Amen
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