Queergottesdienst am 16. November 2003
Predigttext: Matthäus 25, 31-46
Der heutige Predigttext hat seine Tücken. Was zunächst beschaulich beginnt und ganz im Stil einer Äsop – Fabel, da sprechen Schafe und Ziegen, endet nicht in einem
bukolischen Idyll.
Nein: dieses Mal macht der König ernst und sein Urteil ist endgültig. Nicht von ungefähr heißt dieser Text „das Gleichnis vom Jüngsten Gericht“ und
nicht von ungefähr steht er im Matthäus – Evangelium. Denn mehr als jeder andere betont Matthäus was jene zu erwarten haben, bei denen Religion sich nur in Äußerlichkeiten manifestiert.
Dieser Kompromisslosigkeit ist es zuzuschreiben, dass die vorliegende Bibelstelle - so sehe ich es zumindest – nicht unbedingt zu den Favoriten auf
dem Wunschzettel der Sonntagspredigten gehört. Denn eines macht sie mit aller Klarheit deutlich: es gibt ein „Zu – spät“. Auch Gottes Geduld hat einmal ein Ende. Und Matthäus ist in der
Beschreibung dessen, was dann kommt keineswegs zimperlich:„Geht mir aus den Augen. Gott hat Euch verflucht. Fort mit Euch in das ewige Feuer.“ Das sind harte, fast mittelalterlich anmutende Worte
und in einer aufgeklärten Zeit wie der unsrigen wird man schwerlich daran glauben wollen. Sonst ist die Bibel doch überreich an Stellen, die Trost, Vergebung und nie versiegende Nachsicht verheißen.
Schade dann, wenn sie – wie heute – einmal nicht Gegenstand der Sonntagspredigt sind. Denn danach hätten wir alle doch eher schlechte Karten.
Ich beginne mal mit den Ziegen. In dem Sündenkatalog den ihnen Gott vorhält fällt eines ganz deutlich auf: ihr Fehlverhalten beruht auf ihrem Nichtstun
– „ihr habt mir nicht zu essen gegeben; ihr habt mich nicht aufgenommen; ihr habt euch nicht um mich gekümmert.“Es handelt sich um keine „Schurken“, wie man sie v.a. aus dem alten
Testament kennt, die Gott herausfordern oder mit ihren Verbrechen zur Weißglut bringen - und dafür natürlich die verdiente Strafe kassieren.
Nein: es sind Leute wie Du und ich. Und ihre erstaunte Frage: wann kamst Du als Fremder; wann hätten wir uns nicht um Dich gekümmert - die könnte man
gerade in Deutschland treffend mit „Ich habe doch nur meine Pflicht getan“ übersetzen.
Im letzten Gottesdienst haben wir über Wesen und Charakter der Liebe gesprochen. Ich glaube, dass wir es hier mit dem geraden Gegenteil zu tun haben und
das ist nicht etwa der Hass. Das ist die Gleichgültigkeit. Die Gleichgültigkeit, die wir tagtäglich gegenüber Menschen, jung, alt, reich, arm, schön, hässlich und ihren großen und kleinen Problemen
zeigen. Und wenn der König hier mit den Ziegen kurzen Prozess macht, dann bestraft er sie einzig und allein aus diesem Grunde. Ich glaube, wir alle können – bei kritischer Selbstüberprüfung –
durchaus ziegenhafte Züge an uns erkennen!
Nun zu den Schafen: sie haben gehandelt. Im Gegensatz zu den Ziegen zeigten sie Nächstenliebe. Aber auch hier die nicht minder überraschte Frage: Herr,
wann sahen wir Dich jemals hungrig und gaben Dir zu essen? Das ist bemerkenswert, denn offensichtlich waren sich diese Schafe gar nicht im klaren darüber Gottes Willen zu tun.
Und das führt uns zu einer dritten Gruppe, die im Gleichnis zwar nicht erwähnt wird, aber in der Bibel, bisweilen auch in Kirchengemeinden, einen festen
Stammplatz hat: das ist der Pharisäer im Tempel. Anders als unsere Ziegen weiß er durchaus, was gut ist, nämlich besser zu sein als der Rest. Und dafür wird er auch nicht müde seinem Gott zu danken,
getreu dem Leitspruch der Werbebranche „Tue Gutes und erzähle jedem davon“. Auch diese Gruppe kommt in den Evangelien ausgesprochen schlecht weg.
Wo liegt der Unterschied zu den Schafen?
Ich denke, das lässt sich am besten mit dem – etwas angestaubten – Begriff der Demut beschreiben. Sie tun Gutes ohne zu kalkulieren und schon
gar nicht, weil sie sich dafür Dank erwarten. Ich glaube wir alle hatten irgendwann einmal das Glück an solche Menschen zu geraten. Mein Leben wäre ohne ihre Hilfe anders, nämlich schlechter verlaufen.
Eine derartige Geisteshaltung ist schnell beschworen. Sie zu entwickeln fällt deutlich schwerer.
Wie soll ich demütig sein, wenn ich den Zwängen des Alltags unterliege? In Beruf und menschlichem Miteinander gelten kaum die frommen Richtlinien einer
Sonntagspredigt! Wie soll ich Menschen lieben, deren Anwesenheit bei mir zur tagtäglichen Pflichtübung gerät. Da reicht es doch, wenn ich mich auf den Menschen konzentriere, den ich wirklich liebe...
Diese Unzulänglichkeit ist Gott durchaus bewusst, und um Missverständnissen vorzubeugen: ein Schaf zu sein, heißt sicher nicht ein Leben in
Selbstaufopferung und blindem Altruismus zu führen. Es stellt vielmehr den Versuch dar, ehrlich vor sich selbst und anderen zu leben, seine Talente zum allgemeinen Wohl und nicht zum bloßen Selbstzweck
zu gebrauchen. Schließlich: die eigenen Schwächen ebenso wie die der anderen zu akzeptieren, ohne dabei in fromme Kritiklosigkeit zu verfallen.
Ich glaube, dass dieser beständige Versuch – trotz aller Niederlagen -, vor Gott wichtiger ist, als unser tatsächlicher Erfolg.
Amen
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