|
November 2001
Predigt zu Jeremia 8, 4-7
Thema: Bewußt auf dem falschen Weg?
Du sollst zu ihnen sagen: So spricht der Herr: Wer hinfällt, steht der nicht wieder auf? Wer vom Weg abkommt, kehrt der nicht wieder zurück?
Warum wendet dieses Volk sich ab und beharrt auf der Abkehr? Warum hält es am Irrtum fest, weigert sich umzukehren? Ich horche hin und höre:
Schlechtes reden sie, keiner bereut sein böses Tun und sagt: Was habe ich getan? Jeder wendet sich ab und läuft weg, schnell wie ein Roß, dass im Kampf dahinstürmt.
Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten; Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Frist ihrer Rückkehr ein; mein Volk aber kennt nicht die Rechtsordnung des Herrn.
(Einheitsübersetzung)
Predigt: (Anmerkung: Ich habe die Predigt anhand von Stichpunkten gehalten. Deshalb ist der folgende Wortlaut nur eine
sinngemäße Wiedergabe, keine wörtliche.)
“Wer vom Weg abkommt, kehrt der nicht wieder zurück?“ Oder: Wer sich verfahren hat, dreht der nicht wieder um? „Aber natürlich“ würden Sie
vielleicht antworten. Doch wie wir in unserem kleinen Spiel am Anfang gesehen haben, gibt es Menschen, die auf ihrer falschen Route bleiben. Und – ihre Plätze hier vorne sind leer geblieben –
die beiden suchen immer noch nach dem „Schleichweg“. Sie haben den Weg zum Queergottesdienst noch nicht gefunden. Wir konnten ihnen bei ihrer Irrfahrt genüsslich zusehen.
Ähnlich ging es dem Prophet Jeremia. Sein Volk läuft strahlenden Lächelns und guten Mutes dem Abgrund entgegen. Jeremia steht daneben und kann ihnen nur noch fassungslos
nachwinken und den Sturz in den Abgrund beklatschen. 586 v. Chr. ist´s vorbei, Jerusalem zerstört, das Volk Israel deportiert und mit ihnen Jeremia. Auch er wird nach Agypten entführt und stirbt dort.
Er ist ein erbärmlicher Prophet; redet sich den Mund wund, aber keiner hört auf ihn und am Ende geht er an dem zugrunde, vor was er eigentlich warnen wollte. Genaugenommen
hat er sein Lebensziel verfehlt. Das müsste er sich wohl eingestehen.
Gibt es solche unerhörten Propheten auch heute, die andere vergeblich darauf aufmerksam machen, dass sie auf dem falschen Weg sind?
Ich erinnere mich da an die Vertreter von „Wüstenstrom“, die mir an ihrem Stand vor dem Nürnberger CSD Levitikus 20,13 um die Ohren hauen, nachdem Homosexualität mit
dem Tod bestraft werden muss. Oder – wir können das Bild auch umdrehen – man stelle sich eine Abgeordnete der Münchner Rosa Liste vor der CSU-Landtagsfraktion vor.
Was haben all diese hoffnungslosen Propheten gemein? Sie werden nicht gehört, mehr oder weniger offen belächelt und müssen sich vielleicht den Vorwurf der
Scheinheiligkeit gefallen lassen: „Mach´s du erstmal besser! Was weißt du denn, was richtig ist?“ Aber gut, was passiert wenn ich die Worte der Propheten an mich heranlasse?
Fragen Sie sich doch mal:
Bin ich auf dem richtigen Weg? Bin ich mir sicher, dass alles, was ich tue, korrekt und gut ist? Gibt es da nicht doch ein „aber eigentlich müsste ich....? Ganz
sauber ist das nicht, was ich da mache, aber ich tu´s trotzdem?“ in der Beziehung, im Bekanntenkreis oder im Beruf?
Egal, das Volk bleibt stur. Es läßt sich nicht von seinem falschen Weg abbringen. Sie lassen Jeremia ungehört reden. Warum? Wie kann es sein, dass Menschen bewußt auf
dem falschen Weg bleiben? „Jeder wendet sich ab und läuft weg, schnell wie ein Roß, dass im Kampf dahinstürmt.“ (Jer 8,6) Es finden sich allerlei Ausreden und vor allem viel
Geschäftigkeit, die die Menschen davon abhalten, auf die kritische Stimme zu hören. Und überhaupt: Es ist doch so schön und macht doch so Spaß – warum sollte ich an meinem Leben etwas ändern?
Und „ändern“ würde ja bedeuten, dass ich einsehen müsste, dass ich etwas falsch gemacht habe. Und wer möchte sich diese Blöse schon geben? Wer gibt schon gerne zu,
nicht perfekt zu sein? Nein, da werden lieber mit überzeugenden Argumenten die falschen Wege für die richtigen erklärt und der schöne Schein gewart.
Das Volk bleibt stur auf dem falschen Weg. Manchmal kann es sogar sein, dass ich den falschen Weg bereits als falschen erkannt habe. Manchmal weiß ich, dass es jetzt
wieder so kommt, wie ich es eigentlich nicht wollte, aber es läßt sich nicht so einfach verhindern.
Die menschliche Psyche ist da etwas schwerfällig. Wenn sie sich mal an ein antrainiertes Verhaltensmuster gewöhnt hat, mag sie das nicht so leicht aufgeben, weil es ja das
gewohnte ist. Und so kann es sein, dass ich mir hämisch und hilflos zusehen kann, wie ich – schon wieder – in diegleiche Falle tappe.
Und noch einen letzten Grund gibt es, um stur auf dem falschen Weg zu bleiben:
Manchmal beneide ich die Generation meiner Eltern: Die hatten wenigstens noch verbindliche Werte. Am Samstag wurde das Auto gewaschen und am Sonntag ging´s in die Kirche.
Scheidung und Homosexualität gab´s einfach nicht.
Heute ist alles möglich. Alles ist irgendwie richtig, wenn ich es nur aus der entsprechenden Perspektive betrachte und für jeden Weg finden sich gute Gründe. Woher soll
ich wissen, was für mich richtig ist? Schön wär´s manchmal, wenn es einen Jeremia gäbe, der dir wissend auf die Schulter kopft und sagt: Da geht´s lang!
Aber nein, wo ist die Landkarte für´s Leben? Gibt es eine? Eine Landkarte, die vor allem in christlichen Kirchen gerne angeboten wird, heißt Bibel.
Doch leider kann diese Landkarte ganz unterschiedlich gelesen werden. Sie ist nicht ganz eindeutig.
Oder was bedeutet der schwarze Fleck rechts oben im Urtext? Ist es ein schlecht zu erkennender Buchstabe, der den Sinn völlig verändert, oder war´s nur Fliegendreck?
Oder manche Aussagen sind durch die damalige Kultur bedingt und können nicht direkt auf unsere heutige Zeit übertragen werden. Doch wer entscheidet, was kulturbedingt ist
und was nicht?
Andere Aussagen sind vielleicht nur symbolisch gemeint. Aber woher weiß ich, was mit dem Symbol gemeint ist?
Wir müssen feststellen: Die Bibel ist eine zweifelhafte Landkarte für´s Leben. Gibt´s nicht noch eine andere?
Ich frage mein Gewissen. Denn es heißt ja auch in der Bibel: „Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz.“ (Jer 31,33) Doch dann begegnen mir da
mehrere Stimmen. Die eine plärrt ins linke Ohr, die andere ins rechte. Und welche von diesen vielen inneren Stimmen ist dann die Stimme Gottes? Was ist Engelchen und was Teufelchen? Was mach ich, wenn
Herz, Gefühl und Verstand jeweils etwas anderes sagen?
Gut, wir stellen fest, auch das Gewissen ist eine oftmals verwirrende Landkarte für das Leben.
Also fragen wir jemand, der sich mit sowas auskennt. Viele Berater und Beraterinnen stehen mit wohlmeinenden Ratschlägen zur Seite, nur - jede weist einen anderen Weg. Und
eigentlich wollte ich selbst entscheiden, was ich mit meinem Leben mache und mich nicht fremdbestimmen lassen.
Keine Bibel, kein Gewissen, keine wohlmeinenden Beraterinnen sind eine zuverlässige Landkarte für´s Leben. Aber wer ist es dann? Wer hilft, wer zeigt den richtigen Weg?
Letztlich nur der oder die, wegen der wir heute hier sind. Jesus Christus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ An ihm müssen wir uns festhalten, wenn
wir zum Leben gelangen wollen.
Mit ihm müssen wir ringen im Gebet, wenn wir den richtigen Weg für unser Leben finden wollen.
Doch wie sehen die Wege aus, die Gott uns zeigen will? Sie sind nicht beliebig. Es gibt ein Kriterium für sie. Im ersten Johannesbrief heißt es: Gott ist die Liebe.
Deshalb werden die Wege, die Gott uns zeigen will, immer die Wege der größeren Liebe sein.
Nur manchmal ist auch mit Christus nicht klar, welches der Weg der größeren Liebe ist. Das Leben bleibt trotzdem oft ein Tappen im Novembernebel. Doch wir dürfen darauf
vertrauen, dass Gott uns auf all unseren Wegen begleitet. Er ist da, auch wenn wir scheinbar auf dem falschen Weg sind. Er geht auch den Umweg mit. Und oft beweist sich der falsche Weg im Nachhinein als
der richtige, denn Gott will uns den Schleichweg aus dem Verhängnis zeigen.
So soll es im Neuen Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat, nicht mehr ungehörte Propheten geben, die für andere den richtigen Weg wissen, sondern nur noch
Menschen, die gemeinsam auf dem Weg sind und gemeinsam den Weg der größeren Liebe suchen. Sie sollen sich die Freiheit geben, den je eigenen Weg zu suchen und sich gegenseitig Umwege zugestehen. Und sie
sollen sich gegenseitig in der Hoffnung bestärken, dass Gott mit uns auf unserem Weg ist, egal wohin wir uns verirren.
„Denn wenn das Herz uns auch verurteilt: Gott ist größer als unser Herz und er weiß alles.“ (1 Joh 3,20)
Amen.
|