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Queergottesdienst am 17. Oktober 2004 im “Exil” in St. Martha Nürnberg
Predigt zu Eph. 4, 22-32
Zum Einstieg
„Menschen“ gesungen von Henry Valentino aus „Henry Valentino: Im Wagen vor mir“, TR 12 ; BMG Ariola Miller 74321 19654 2; LC 5043 (M+T:
Hans Blum) 4:44
Das war Henry Valentino, der auch vor 27 Jahren „Im Wagen vor mir“ (fährt ein blondes Mädchen) sang. Vor 14 Jahren (1990) schrieb er dieses Lied mit dem
Titel „Menschen“. In etwas mehr als vier Minuten zählt er eine Menge von Menschen auf, die bei uns so herumlaufen und stellt sie gewissermaßen gegenüber. Da sind die fröhlichen Menschen, die ihrem
Gefühl vertrauen und auf der anderen Seite die, die im Schatten stehen und verlieren. Oder Menschen, die sich um andere kümmern, sich Sorgen machen, aber auch Gauner, die gar nichts bereuen. Ja so sind
sie halt, die Menschen heute.
Auch der Verfasser des Epheserbriefes hat sich damals so seine Gedanken gemacht, wie die Menschen sind und noch mehr: Wie die Menschen sein sollen. In einem
langen Katalog tadelt er die Christen von Ephesus, was sie alles falsch machen und wie sie handeln sollen. Dabei hören wir zunächst einmal eigentliche Selbstverständlichkeiten, die der Erwähnung gar
nicht bedürften: Nicht lügen, nicht stehlen, nicht vom Zorn getrieben handeln und noch anderes. Abgesehen davon hätte er sich das alles sparen können, denn sämtliche Spielregeln sind längst bekannt: Man
hat sie ja oft genug in der jüdischen Weisheitsliteratur oder in den zehn Geboten gelesen. Und nicht nur dort. Selbst der einfachste Philosoph hat sich darüber schon ausgelassen. Warum also noch einmal
alles durchkauen, was selbstverständlich ist? Jedes Zusammenleben von Menschen basiert auf derartigem Verhalten und das müßte jedem klar sein. Also was macht der Verfasser des Epheserbriefes nun anders?
Zunächst gibt er dem ganzen eine christliche Ausrichtung: Durch den Bezug auf Christus werden die alten Inhalte neu bestimmt. Zuerst schildert es das am Symbol des einen Christusleibes, den alle zusammen
bilden: Alle Glieder sind miteinander verbunden und das Füreinander aller muß sich zunächst in den einfachsten und selbstverständlichsten Dingen bewähren. Und weiter: Er erinnert uns an die Taufe, in der
wir den alten Menschen abgelegt und den neuen Menschen angezogen haben. Wer ist nun dieser neue Mensch? Wie er aussieht bzw. aussehen sollte, das Endziel wird uns klar beschrieben. Aber wenn man das
alles hört, dann mag sich so mancher denken: Mein Gott, wie soll das alles nur gehen? Diese ganzen Ideale. Ich bin doch kein Supermensch! Das geht doch gar nicht. Ja, dem werde ich nicht widersprechen.
Jeder von uns wird wütend und zornig sein, wenn eine lange Beziehung zu Ende geht, nachdem man evtl. gemerkt hat, daß der Partner/-in einen betrogen hat oder
eine falsche Liebe vorgespielt hat. Nein, lieber Paulus, da will und muß ich wütend sein dürfen und da gelingt es mir nicht so einfach zu vergeben, wie du das hier verlangst.
Aber ich glaube, das verlangt auch niemand, das das alles auf einmal geht. Wenn ich mir den griechischen Urtext betrachte, finde ich bei der Bezeichnung des
„neuen Menschen“ das Wort „neos“. Das heißt neu, aber auch jung und frisch. Und hier liegt für mich ein Schlüssel. Denn der neue Mensch ist gegenüber dem alten ein von Gott zum Leben MIT
IHM geschaffener Mensch. Das erfordert aber auch eine ständige Erneuerung, ein Auffrischung, die menschliches Bemühen mit einschließt. D.h. ich muß mich in dieser Welt mit ihren Gefahren und Verlockungen
dauernd neu vom göttlichen Geist bis ins innerste Denken und Fühlen hinein erfüllen, bewegen und leiten lassen. Zorn und Wut mögen für einen Augenblick ihre Berechtigung haben, aber wenn sie zu unserem
ständigen Begleiter werden, dann wird es gefährlich.
Das ist eine große Herausforderung für uns alle, aber in der lebendigen Verbindung mit dem Geist Gottes gewinnen wir einen Halt, im Glauben an diesen Geist
wird ein zunächst innerlich leeres Leben aufgefüllt, es bekommt einen tieferen Sinn und darüber hinaus einen letzten Sinn.
Ich glaube, so manches von Paulus bezeichnete „lasterhafte Leben“ entsteht aus so einer inneren Leere. Das ist wie ein Erschlaffungszustand der Seele,
von Zorn , Wut und Lügen niedergedrückt. Und da lohnt es sich immer wieder neu, sich seines „Siegels“ mit dem wir bezeichnet sind zu erinnern.
Der neue Mensch wird im Epheserbrief näher definiert als „nach dem Bilde Gottes geschaffen“, aber nicht als gottgleicher, als gottidentischer. Das wäre
auch anmaßend, so etwas zu behaupten oder gar zu wollen. Nein, es gilt menschlich zu sein und göttliches weitergeben zu können. Oder wie es in der Meditation hieß: „zu versuchen, ein Mensch zu sein, aus
dem deine Gegenwart (die Gottes) herausleuchtet“. So wie es Jesus getan hat, von dem wir lernen sollen.
Zum Abschluß ein vielleicht gewagter Gedanke, aber ich traue mich trotzdem, ihn in den Raum zu stellen und ich möchte ihn bewußt einfach stehen lassen. Eine
Antwort muß dann jeder für sich geben:
Die Mahnrede des Epheserbriefes war damals bestimmt für Diasporachristen, die in einer mehr oder weniger atheistischen Welt lebten und sie richtet sich auf
das Wiederfinden einer christlichen Identität. Ein christliches Leben in einer unchristlichen Welt. Könnte man das für uns heute etwa so formulieren: Ein christliches schwul/lesbisches Leben in einer
unchristlichen schwul/lesbischen Community?
Amen
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