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Predigt Oktober 2003

Queergottesdienst am 19. Oktober 2003

Lesung vor d. Predigt: 1. Kor 13, 1- 6+13
-
Predigt von Bernd Held -

Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste, und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.
Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte, und wenn ich mein Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nicht.
Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.
Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten ist die Liebe.

 

Da steht eine Gruppe von Menschen zusammen.
Sie sind ins Gespräch vertieft und sie gestikulieren heftig zu ihren Worten, sie vergessen alles um sich herum.
Sie scheinen über die existentiellen Fragen des Lebens zu diskutieren,
oder, der Heftigkeit ihrer Gesten nach zu urteilen, ist es wohl eher ein Streitgespräch.

Während wir uns ihnen nähern, bekommen wir mit, dass es darum geht,
ob es richtig sein kann, dem Kaiser Steuern zu zahlen.

Natürlich, das leidige Thema Geld und die Steuern sind eh zu hoch und den, der das Geld von uns bekommt und was er damit macht, den haben wir ja auch gar nicht gewählt. Bei so einem Thema wird es genügend Gesprächspartner geben.

Und dann geht es weiter mit der Frage nach der Auferstehung der Toten,
oder besser, wer nach der Auferstehung nun denn wirklich mit wem verheiratet ist, wenn er vorher mehrere Partner hatte.

Es scheinen wirklich einmal wieder solche Gespräche zur geistigen Selbstbefriedigung zu sein, mind- fucking.

Jetzt fragt auch noch einer nach dem wichtigsten Gebot. Mit meiner Geduld ist es nun bald vorbei. Das sind alles Fragen, die meine Existenz überhaupt nicht treffen.

Mein lieber Markus, als du damals dein Evangelium schriebst, warum hast du da soviel Papier und Tinte für Gesprächsaufzeichnungen verwendet, die so langweilig sind.

Und Jesus, ganz klug, gibt auf die meisten der Fragen solche Antworten, welche die Frage wieder zurückgeben. Irgendwie durchschaut er die besserwisserischen Leute in ihrer Argumentation und lässt sie damit ins Leere laufen.

Diese scheinbar sinnlosen Streitgespräche gehören im Markus- Evangelium, in welchem unser Predigttext heute steht, zum Aufbau und sie führen zur Passionsgeschichte hin.

Aber einen Moment bitte, ich möchte dem Gespräch über das wichtigste Gebot und dem bekannten Wort von der Gottes- und Nächstenliebe noch einmal aufmerksam nachspüren:

 

Mk 12: 28- 34 (Predigttext)

Ein Schriftgelehrter hatte ihrem Streit zugehört; und da er bemerkt hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, ging er zu ihm hin und fragte ihn: Welches ist das erste Gebot von allen? Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.

Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm, und ihn mit ganzem Herzen, ganzen Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit besser als alle Brandopfer und anderen Opfer. Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

Jetzt höre ich förmlich, wie die Leute die Luft zwischen den Zähnen einziehen und auch ich bin erstaunt, nein, beinahe schon erschüttert über die Antwort Jesu.

Ich verstehe sie als eine Anfrage an meine Authentizität

  • - in meinem Glauben an Gott,
  • - in meinem Umgang mit dem Nächsten
  • - und in meiner Einstellung zu mir selbst.

Nach all den Scheinfragen der gelehrten Juden, bin auch ich nun mit meiner Integrität in Frage gestellt.

Wäre ich ein frommer Jude, dann könnte ich in dem „Höre, Israel, der Herr unser Gott, ist der einzige Herr:“ das jüdische Glaubensbekenntnis aus dem alten Testament wiedererkennen.

Dieser Jesus, der einen neuen Weg zu leben zeigt, ist kein religiöser Brandstifter oder Verräter. Er bleibt seinem jüdischen Glauben treu. Und sein Bekenntnis stellt alle heimlichen Kollaborateure seiner Zeit in diesem Gespräch mit dem Rücken zur Wand.

Und welche Frage trifft mich heute als Christ in dieser Geschichte?

Ich kann in der Jesus- Nachfolge die jüdischen Wurzeln meines Glaubens nicht leugnen. Und in der Frage nach der aufrichtigen Gottesliebe, sehe auch ich mich in der Frage, wo ich versuche, aus der religiösen Vielfalt des heutigen Angebots mir eine Vorstellung von Gott und einen Glauben zurechtzubasteln, der für die Unterstützung meiner Interessen und Ziele vorteilhaft sein kann. Und genau dort finde ich mich auf einer Ebene mit den Gesprächspartnern Jesu der damaligen Zeit wieder, die mit einem bestimmten Gedankengebäude und ihrer Ideologie versuchen , die Welt nach ihrer Meinung zu bestimmten.

Warum geht es aber eigentlich im Leben und im Glauben? Und hier wird die Frage doch wirklich interessant: Was ist im Leben und Glauben das höchste Gebot, das Wichtigste, was zu tun bleibt, damit es gelingen kann? 

Und die Antwort ist ganz schlicht: Es geht um die Liebe.

Die Liebe. Das ist so einfach, und so schwer.

Wenn ich überlege, wie viele Schallplatten und Bücher ich zuhause habe, wie viel Filme gesehen und Predigten über Liebe gehört, dann denke ich, es könnte das meistgebrauchte Wort auf der Welt sein, und wahrscheinlich auch das missbrauchteste zugleich.

Ich kenne viele Menschen, die können nicht sagen oder nicht mehr sagen, was Liebe ist, und sie können ihren Partnern auch nicht sagen: Ich liebe dich!, weil ihnen das zu fremd und zu hoch verkommt.

Was sagt Jesus in dem Text zur Liebe?

Er erklärt sie nicht weiter und gibt uns keine Definitionen von Liebe, er schreibt uns nicht vor, wie die richtige Liebe auszusehen hat. Er scheint darauf zu vertrauen, dass unser Herz die richtigen Antworten immer wieder finden wird. 

Aber er stellt die Liebe in Zusammenhänge. Das erscheint mir wichtig.

  • - Er spricht dabei vom Selbstbezug, den der Mensch braucht, um ein gesundes Ich oder Selbst zu sein.
  • - Er spricht vom sozialen Bezug, dem Mensch in der Gemeinschaft oder in der Beziehung, worin der Mensch Aufgabe und Verantwortung, Solidarität und Geborgenheit erfährt.
  • - Und er spricht vom Menschen in seinem Bedürfnis nach Sinngebung und Spiritualität.

Das biblische Menschenbild ist damit in seiner Ganzheitlichkeit ein überraschend modernes und uns vertrautes. Damit können wir etwas anfangen.

Die Entwicklungspsychologie lehrt, dass für einen Mensch aus dem Ur- Vertrauen, der Liebe und Fürsorge und dem Staunen, der Bewunderung und Bestätigung der Eltern und Bezugspersonen für das kleine Kind die Autonomie und das Selbstvertrauen entstehen.

Die Bindung, welche Sicherheit gibt, ermöglicht auch die Lösung, welche die Weiterentwicklung ermöglicht.

Eigentlich sucht der Narziss im Spiegel des Wassers immer noch die Bestätigung der leuchtenden Augen seiner frühen Bezugsperson.

Nein, jetzt soll keine Litanei starten über die Versäumnisse vorhergehender Generationen, welche uns ihre Liebe nicht im umfassenden und lehrbuchtreuem Maße zur Verfügung gestellt haben.

Aber unsere Welt bleibt oft so verdammt kalt, weil hinter mancher steiler beruflichen Karriere, dem flotten Flitzer oder der schicken Klamotte, dieser oder jener Liebschaft und vielleicht auch so vielen geistigen und physischen Kriegen ein Mangel an gesunder Selbstliebe und immer noch der Hunger nach der umfassenden, kritiklosen Bestätigung stehen.

Sich selbst lieben, zu sich stehen, sich nicht verstecken, sein Leben als ein Geschenk zu begreifen und annehmen zu können, einen roten Kopf zu bekommen und doch nicht im Erdboden zu verschwinden, die eigene Meinung als freier Mensch auch im Gegenwind zu vertreten, sich nicht mehr alleine davon abhängig zu machen, was von außen gilt und vorgegeben wird, ob Lifestyle oder Ansichten. Am Ende befreit über einen eigenen Fehler lachen und zum anderen zu gehen, mit pochendem Herzen, und sich zu entschuldigen:

Das sind Sternmomente, wenn uns das im Leben gelingen kann.

Einen anderen Menschen nicht länger als die Verlängerung unseres Egos zu unseren eigenen Zwecken zu gebrauchen und zu instrumentalisieren.

Die andere Meinung oder den schrägen Geschmack stehen lassen können, weil mir das nichts rauben kann, sondern im besten Falle mein Leben bereichert und den Horizont erweitert. Einem anderen den Raum zum Leben zuzugestehen, den er oder sie zur ihrer freien Entfaltung und zum Mensch- sein braucht.

Einen anderen Menschen lieben können, nicht, weil ich die Liebe des oder der anderen brauche, sondern weil mein Herz satt und voll ist von der Liebe in meinem eigenen Leben, dass ich es gerne teilen und auch verschenken kann.

Das sind Idealbilder von der Liebe und vom Menschsein.

Aber wir werden nicht alle erst Menschen wie Mutter Theresa und Bruder Martin werden können und müssen, damit dieses Leben gelingen und beglückend sein kann.

Wir werden keinen Schritt vorwärtskommen, wenn wir uns einfach nur mit einer neuen Liebesideologie versuchen durchzukämpfen - und dann zu Scheinheiligen werden.

Ich erahne jetzt, warum Jesus uns zu dieser bedingungslosen und ungeteilten Gottesliebe auffordert. Es ist solch ein steiles Wort von der Gottes- Liebe. Was kann das bedeuten, wie kann das aussehen?

Unsere leiblichen Eltern und die Menschen, die uns großgezogen und unterrichtet haben, deren Liebe allein reicht nur bedingt aus, um uns wirklich zu starken und freien Menschen zu machen. Und unser Erfolg und unser Reichtum, die Gesundheit und Schönheit, auch dies sind nur relative Dinge, in denen wir uns sonnen und an denen wir innerlich satt werden könnten.

Die Bibel erzählt uns aber von Gott als von einem Vater und von einer Mutter, und manchmal auch als vom eifersüchtigen Liebhaber, welche uns aufrichtig und tief lieben.

Vielleicht denken wir, dass unsere Fähigkeiten und Gaben und unsere Liebe nicht ausreichen, dass wir womöglich zu klein und unbedeutend sind im Vergleich, aber mit dem Propheten ruft Gott uns zu: „Fürchte dich nicht! Ich habe dich ausgelöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“

Diesen Gott mit allen unseren Fasern des Herzen zu lieben, das erscheint für Jesus die einzige sinnvolle Abhängigkeit in unserem Leben zu sein, weil sie alleine uns innerlich stark und frei und offen für das Leben in dieser Welt machen kann.

Was unser Leben zusammenhält, was unsere Welt verändern und warm machen kann, was uns Sinn gibt, das sind keine höhere Philosophie oder bestimmte, komplizierte religiöse Riten. Es ist Liebe.

Kein Mensch in der Diskussion vom Anfang wagt mehr ein Wort.

Und, der diese neunmal kluge Frage nach dem wichtigsten Gebot gestellt hat, dem dämmert es, dass er hier die Antwort erhalten, die mit der Aufrichtigkeit und der Integrität, dem Heilsein seines Lebens zu tun hat. Das Reich Gottes ist ihm nicht mehr fern.

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm.

Und wenn Jesus das Bild von der Liebe Gottes ist, und wenn unser Text unweigerlich zu der Passionsgeschichte hinführt, so möchte ich auch zur unpassenden Jahreszeit daran erinnern, dass Jesus in seiner tiefen Gottesbeziehung und in seiner Liebe zum Leben sich selbst und seiner Mission treu geblieben ist, bis es ihn am Ende das Leben gekostet hat.

Die ersten Christen haben es dann so bezeugt und formuliert, dass er sich in seiner Liebe „für uns hingegeben hat“.  

Und Johannes ruft die Gemeinde später in seinem Brief auf: „Wir wollen lieben, denn Er hat uns zuerst geliebt.“

Amen

Lied nach der Predigt:

Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich still und leise, und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort, in Tat und Wort, hinaus in unserer Welt.

Ein Funke kaum zu sehn, entfacht doch helle Flammen. Und die im Dunkel stehn, die ruft sein Schein zusammen. Wo Gottes große Liebe in einem Menschen brennt, da wird die Welt vom Licht erhellt, da bleibt nichts was uns trennt.

Nimm Gottes Liebe an, du brauchst dich nicht allein zu mühn, denn seine Liebe kann in deinem Leben Kreise ziehn Und füllt sie erst dein Leben, und setzt sie dich in Brand, gehst du hinaus, teilst Liebe aus, denn Gott füllt dir die Hand.

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