Predigt
Thema: Ein Leib und viele Glieder
1. Zur Bibelstelle
a) Die Situation in Korinth
Da ging´s zu in Korinth. Kaum war Paulus weitergereist, lief es mit der neugegründeten Christengemeinde gar nicht mehr so christlich. Die Rede ist von
Spaltungen; es bildeten sich Untergruppen, Freikirchen oder Sekten würde man heute sagen. Paulus hört von recht großstädtischen Verhältnissen, v.a. was die Sexualmoral angeht.
Und er hört von heftigen Streitereien der Christen vor weltlichen Richtern. Hatten sie denn gar nichts vom Evangelium verstanden, die Christinnen und Christen von Korinth?
b) Reaktion des Paulus
Paulus reagiert ganz im Sinne der späteren römischen Glaubensrichter und schreibt einen deutlichen Mahnbrief. Wenn wir nun nur den soeben
vorgelesenen Abschnitt aus dem Brief herausnehmen, so erscheint mir die Reaktion auf das allzumenschliche Treiben in Korinth etwas verkürzt und vor allem zu brav wiedergegeben. Man könnte meinen, Paulus
sagt: „Vertragt euch, akzeptiert euch und seid nett zueinander und dann ist alles wieder gut.“ O nein, weiter vorne im Kapitel 5 sagt er ganz deutlich: „Schafft den Übeltäter aus eurer Mitte!
Denn ein bißchen Sauerteig versauert den ganzen Teig. Haltet euch fern von Leuten, die böses Tun, eßt nichtmal mit ihnen!“ Im Kapitel fünf des ersten Korintherbriefes ist Paulus ganz der
jüdische Pharisäer, der für Zöllner und Sünder keine Gnade kennt. Aber ich dachte, Paulus hätte sich zu Jesus bekehrt? Hat er ja auch – und deshalb fügt er gnädigerweise noch den Vergleich
mit dem Leib und den vielen Gliedern an. Denn der erscheint mir in seiner Aussage eher im Sinne Jesu zu sein: „Denkt daran, dass ihr alle zusammengehört und dass ihr euch gegenseitig braucht.
Begegnet vor allem den schwachen und anstößigen unter euch mit besonders viel Achtung. Und kümmert euch umeinander! Denn wenn ein Teil von euch leidet, dann leiden alle mit!“
2. Übertragung auf die Situation der Queergemeinde
Was sagt uns das heute? Gibt es Ähnlichkeiten zwischen der urchristlichen Gemeinde in Korinth und dem Christsein heute?
Ich denke schon:
Abspaltungen gibt es seit es das Christentum gibt, genauso wie den oft unchristlichen Streit unter den Abspaltungen. Nicht selten geht es unter den
christlichen Gruppen ähnlich zu, wie am eingangs überzeichneten Lesbenstammtisch. „Ihh, das sind Homosexuelle, die gehören nicht zur Kirche.“ sagen die Konservativen.
Und die Homosexuellen sagen: „Ihh, die übrige Kirche, die brauchen wir nicht.“
Warum ist das so? Warum grenzen sich Gruppen so gerne gegenüber anderen Gruppen ab?
Nun, jeder und jede hat sich ihr Leben in der Gruppe gemütlich eingerichtet. Da weiß ich was zählt und wie´s läuft. Eine Konfrontation mit Andersdenkenden
zwingt mich, meinen eigenen Standpunkt in Frage zu stellen und dadurch könnte mein gemütlich eingerichtetes Leben ins Wanken geraden. Und wer will das schon? Insofern ist es geradezu Selbstschutz,
sich mit Andersdenkenden nicht an einen Tisch zu setzen. Am Ende glaub ich noch, was die mir erzählen. Nein, schafft den Übeltäter weg aus eurer Mitte!
Das ist pharisäisch. Jesus aber würde wahrscheinlich sagen: „Geht gerade zu den Andersdenkenden. Sucht den Dialog. Denn ihr braucht euch gegenseitig.“
Wieso? Warum brauchen Lesben und Schwule die Kirchen?
Warum brauchen die Kirchen uns?
Wäre es nicht besser, sich abzuspalten und eine Kirche der Homosexuellen zu gründen? Hätten wir dann nicht endlich unsere Ruhe vor diesen ewigen
Auseinandersetzungen mit den Kirchenleitungen?
Sicher, unsere Ruhe hätten wir dann. Aber ich denke, auch die Queergemeinde braucht den Anschluss an die Kirche. Und wenn es nur die Gemeinschaft im Glauben
an Jesus Christus ist, die uns letztlich zusammenhält. Für manche mag das nicht Grund genug sein. Aber unser Queergottesdienst sollte von Anfang an nach dem Rahmen der evangelischen Kirche ablaufen. Und
ich denke, das ist ein guter Rahmen, der dem Ganzen auch Halt gibt.
Fragen wir andersherum: Braucht die Kirche die Lesben und Schwulen?
Wäre es nicht am einfachsten für die Kirchen, wenn sie die Menschen, die anders leben, als es die christliche Tradition will, einfach hinauswirft?
Der Bibeltext von heute sagt dazu: „Wenn ein Teil leidet, leiden alle anderen mit.“
Vielleicht muss es genau diese kleine Gruppe der homosexuellen Christen geben, damit die starre Überzeugung, „Sexualität sei nur gut, wenn sie der
Fortpflanzung diene“ einmal überdacht wird.
Vielleicht wird durch einen Dialog, indem sich die Parteien gegenseitig achten, deutlich, dass man individuellem menschlichem Leben nicht immer von außen
vorschreiben kann, was richtig ist und was nicht. Vielleicht zeigt gerade die Ausnahme von der Regel, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg und seine eigene Geschichte hat, in die sich ein Außenstehender
niemals ganz hineinversetzen kann.
Ich möchte zusammenfassend nocheinmal allgemein fragen:
Wie sollen wir denn jetzt mit den anderen Gruppen umgehen?
- eher pharisäisch ausgrenzend oder respektvoll wie mit einem anderen Teil vom selben Leib?
Ich denke, ein gesunder Mensch braucht beides. Manchmal ist es wirklich zum Selbstschutz wichtig, sich klar gegenüber anderen Meinungen abzugrenzen, um die
eigene Identität nicht zu gefährden. Nur sollte – wenn es möglich ist – diese Abgrenzung möglichst sachlich geschehen. Wie gesagt: es sollte...
Andererseits bieten Andersdenkende immer auch die Chance, den eigenen Horizont zu erweitern, die eigene Ansicht zu überdenken oder vielleicht sogar vom
anderen etwas zu lernen.
Ich wünsche mir eine Queergemeinde, die nicht nur „queer“ im Sinne von „verrückt“ ist, sondern eine Queergemeinde, die andersdenkenden Menschen
die Akzeptanz entgegenbringt, die sie von ihnen für sich selbst erwartet, denn wir brauchen einander, jede und jeden in seiner Einzigartigkeit.
Amen.
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