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Predigt Oktober 2001

Oktober 2001

Predigt zu Gen 28,10-19a

(Die einmontierten Songtexte sind entnommen aus dem Lied „Schritt für Schritt ins Paradies“ aus der LP „Keine Macht für Niemand“ von TonSteineScherben. Der Song wird im Gottesdienst nach der Predigt eingespielt.)

Und Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran.

Auch einer auf der Flucht. Von wegen „er zog aus“. Als wäre es ein Umzug mit Möbelwagen. Abhauen musste er. Bei Nacht und Nebel. Flüchten eben.
Sein Name ist Jakob. Im Hebräischen ist das ein sprechender Name: er heißt „der Betrüger“. Und das nicht ohne Grund. Seinen Zwillingsbruder hat er betrogen, Esau, den wenige Minuten Älteren, den Erstgeborenen.
Es begann schon damit, dass er, Jakob, der Daheimhocker, das Muttersöhnchen, sich seine Kochkünste von Esau teuer bezahlen ließ, als der hungrig von der Jagd kam. Für einen Teller Linsensuppe und ein Stück Brot verlangte er von Esau das Erstgeburtsrecht. Und der ließ sich darauf ein. Nun gut, selbst schuld, könnte man sagen. Er hätte das nicht tun müssen. Das war eigentlich kein Betrug.
Schlimmer war aber, dass er ihn auch um den Segen des Vaters, Isaak, brachte. Der erblindete alte Mann wollte Esau, dem Älteren, seinen Segen geben. Um sich sicher zu sein, wen er vor sich hatte, tastete er nach den stark behaarten Armen Esaus. Aber es war Jakob, der da stand, mit Fellstücken um das Handgelenk. So erschlich er sich den Segen des Vaters. Aber die Geschichte dürfte ja bekannt sein.
Wen wunderts also, dass Esau plante, sich nach dem Tod des Vaters an Jakob zu rächen. Jakobs Leben war in Gefahr. Die Mutter ermutigte ihn, sich möglichst schnell abzusetzen, zu seinem Onkel, ins ferne Haran.
Und das war bestimmt kein gemütlicher Umzug mit dem Möbelwagen. Es war eine Flucht. Mit leichtem Gepäck, etwas Proviantvielleicht. Und vor allem heimlich. Überstürzt.
Immer wieder wirft er den Blick angstvoll zurück. Ob er verfolgt wird? Ob Esau ihm nachkommt, um ihn auf der Flucht erschlagen?
Aber auch den Blick nach vorn angstvoll: Was wird ihn erwarten bei dem unbekannten Verwandten? Wird er ihn überhaupt aufnehmen? Oder wird er ihn zurückschicken in die Wüste? Ins Niemandsland?

Und er kam an eine Stätte, da musste er übernachten, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen von den Steinen der Stätte, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein.

Da holt sie ihn nun also ein, die Dunkelheit. Als würde sie sich von allen Seiten an ihn herandrängen. Das Dunkel seiner unrühmlichen Vergangenheit. Der Verlust der schützenden Familie. Die finstere Ungewissheit seiner Zukunft. Wie lange wird ihn der Hass seines Bruders verfolgen? Wird er wieder in eine Gemeinschaft finden, die ihm das Überleben sichert?
Mit diesen Sorgen legt er sich mitten in der Wüste zum Schlafen nieder.
Auf einen Stein muss er seinen Kopf betten: nicht gerade ein sanftes Ruhekissen!! So hart und drückend, wie ihm seine Taten auf dem Gewissen lasten...

Und er hatte einen Traum: Da, eine Leiter stand auf der Erde und rührte mit der Spitze bis an den Himmel. Und da, die Boten Gottes stiegen auf und stiegen nieder an ihr.

Da, eine Leiter. Oder eine Treppe. Ein Stufentempel, was auch immer. Jedenfalls eine Verbindung zwischen Erde und Himmel. Der Blick, der eben noch so voller Sorgen auf das ganz Irdische gerichtet war, nach hinten in die Vergangenheit und voraus in die Zukunft, dieser Blick ändert nun die Richtung: er geht nun hinauf. Denn von dort bricht etwas herein. Die Bibel nennt dieses “Etwas” die Boten Gottes. Wir stellen uns dabei Engel vor. Kleine dicke Putten vielleicht? Oder überirdisch schöne Gestalten in weissen Kleidern. Oder ist es nur blendendes Licht? Oder einfach die Ruhe die einkehrt, nach der gehetzten Reise. Die Zeit scheint stehen zu bleiben. Die Sterne kreisen um diesen hässlichen felsigen Ort. Ob die Sphären das Klingen angefangen haben? Und die Engel das Singen?

(Musik)

Was war das nur? Was hatte das zu bedeuten? Wem galt das? Und vor allem: wer stand da dahinter?

Und da, der Herr stand über ihm und sprach:

Du hörst mich singen, aber du kennst mich nicht?
Du weißt nicht für wen ich singe? Aber ich sing für dich!
Und wenn du mich jetzt verstehn willst, dann verstehst du mich.

Ich bins, der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks.

ER wars also! ER, der Herr, der Unnahbare! Der Gerechte!
Wie konnte das sein, dass ER sich ihm zuwendete?
Und nicht nur sprechend, nein, er steigt die Leiter hinab. Aus seiner Höhe hinunter zu einem armseligen Menschen. Einem Geängstigter. Einem Flüchtling. Der seine alte Welt verloren hat. Seine Heimat. Seine Familie. Seinen Schutz. Den sicheren Boden unter den Füssen. War er es überhaupt wert, von ihm angesprochen zu werden?
Denn er war eben auch- ein Betrüger.
Was hatte er von Gott zu erwarten, wenn nicht die Androhung seiner strafenden Gerechtigkeit?

Aber dann folgten diese Worte:
Ich brauche dich noch, Jakob. Ich habe Pläne mit dir. Du sollst kein Flüchtling bleiben.

Das Land auf dem du liegst, dir will ich es geben und deinen Nachkommen.

Du sollst wieder Boden unter deine Füsse bekommen. Du sollst alles haben, was                               du brauchst, um dich zu ernähren. Du sollst sicher wohnen. Ohne Angst. In alle                            Zukunft. Die Welt ist noch nicht so, wie ich sie haben will!

Wer wird die neue Welt baun, wenn nicht du und ich?
Und du sollst einen Gestaltungsraum bekommen: ein Land, in dem Friede und Gerechtigkeit herrschen sollen. Mein Friede und meine Gerechtigkeit.

Und deine Nachkommen sollen zahlreich werden wie der Staub auf der Erde. Du sollst dich ausbreiten nach Westen und Osten, nach Norden und Süden.

Ich mag dich, Jakob, trotz allem. Menschen wie du kann es nicht genug geben. Breitet euch aus! Es soll keinen Ort geben, an den du und deinesgleichen sich nicht trauen können. Die ganze Welt soll dir offen stehen. Du bist frei.

Und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter der Erde Segen empfangen.

Ihr sollt mein Werkzeug sein. Ein Instrument meines Friedens. Ausbreiter meines Schalom. Verwirklicher meiner Gerechtigkeit.

Es wird noch ein langer Weg sein zu Friede und Gerechtigkeit. Aber ...
...der lange Weg, der vor uns liegt
Führt Schritt für Schritt ins Paradies.

“Paradies” klingt pathetisch. Ich weiss, ein großes Wort. Viele werden kommen und den Menschen das Paradies auf Erden versprechen. Das Selbstgemachte. Die heile Welt von Menschenhand. Aber mein Reich ist anders, nicht von dieser Welt. Das Paradies eben. Es wird so sein, wie ich es im Anfang der Zeit gedacht hatte. Und du sollst ein Teil davon sein.

Und siehe, ich bin bei dir, ich will dich behüten, wohin du auch gehst, und ich will dich heimkehren lassen zurück in dieses Land. Ja, ich verlasse dich nicht, bis ich alles vollbringe, was ich dir versprochen habe.

(Musik)

 Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.

Aber jetzt weiss ich es. Denn...  
Ich bin aufgewacht und hab gesehn.
Woher wir kommen, wohin wir gehn.
Und der lange Weg, der vor uns liegt
Führt Schritt für Schritt ins Paradies.

Woher und wohin? Die kleinen Fluchten und Zukunftsängste fügen sich plötzlich ein in einen weiten Horizont:

Woher ich komme? Ich komme von Abraham her, von Isaak. Ich stehe in einer Kette von Menschen, denen Gottes Verheißung gilt. Was er ihnen versprach, das ist mein woher und mein wohin! Mein Weg: eine Strecke auf dem langen Weg ins Paradies.

Ich hab lang gewartet
und nachgedacht
Hatte viele Träume
Und jetzt bin ich wach.
Wenn wir suchen
Finden wir das neue Land.
Uns trennt nichts vom Paradies
Außer unsrer Angst.

Er erschauerte und sagte: Wie heilig ist dieser Ort! Hier ist nichts anderes als ein Haus Gottes und dies ist das Tor des Himmels.

 Aus Jakobs Angst wird Ehr-Furcht. Statt Panik: Gänsehaut. Er erschauert vor der Heiligkeit des Ortes. Aber nicht, weil der Ort etwas besonderes an sich hätte. Nein. Es ist nur ein Stück Steinwüste.

Aber ein Ort, an dem Verheißung erfahrbar wird. Wo sie glaubwürdig gesprochen wird, wo sie sich ganz unerwartet erschließt, wo sie wahr wird.

Das sind Orte, an denen Gott zugegen ist. Zugegen ist, indem er Zukunft eröffnet. Als der, der Leben verspricht in Sicherheit und Fülle, in Friede und Gerechtigkeit. 

Und Jakob stand früh am Morgen auf, er nahm den Stein, den er sich unter seinen Kopf gelegt hatte, stellte ihn zu einem Steinmal auf und goss Öl darauf.

Aus dem drückenden Stein - macht Jakob einen Altar. Legt ihn von sich. Nicht einfach wegwerfen. Sondern aufrichten. Als ein Zeichen der Erinnerung. Als Wegmarke. Für den Ort, an dem die Angst von ihm abfiel. Als Mahnmal: hier hat er gelernt, was Hoffnung ist, worauf er seine Zuversicht gründen kann. Der Ort der Stärkung auf dem Weg ins Paradies.

Und er nannte die Stätte Bethel,  d.h. Haus Gottes.

Schöne, alte Geschichte?
Man kann fragen:
Wo spricht Gott denn heute noch so unmittelbar?
So eindeutig, dass ich mich auch traue, ihm zu glauben??

Vielleicht spricht er wirklich nicht mehr so unmittelbar. Garantien für einen Offenbarungs-Ort kann es nicht geben. Auch dass ein Ort „Gotteshaus“ heißt, garantiert noch nicht, dass ich ihn dort erlebe. Denn Gott ist nicht festzulegen, ist frei. Aber wo mir seine Verheißung lebendig wird, da ist er zweifellos gegenwärtig.

Und: vielleicht spricht er ja auch noch anderswo? Mitten im Alltag. Mitten in der Steinwüste. Ohne großen Auftritt auf der Engelsleiter und ohne großes Tamtam

Und man muss nur zum rechen Zeitpunkt die Ohren spitzen....

(Musik: Schritt für Schritt ins Paradies)
 

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