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Queergottesdienst am 19. September 2004
Predigt zu Römer 8, 5-17 im Dialog mit Manuela, René und Bernd
- Wenn ich diesen Bibeltext so höre, dann fallen drei Abschnitte darin auf: das Leben nach dem Fleisch, das Leben aus dem Geist und abschließend die Aussage,
dass wir Gottes Kinder sind. Es hört sich zunächst so an, als ginge es um Sex und um Lust, aber ganz anders wie bei den Texten aus dem Hohelied, die wir am Eingang hörten. Es klingt, als sei Lust und als
sei Sinnlichkeit schlecht. Und was ist unter einem Leben aus dem Geist zu verstehen, dass Lust und Sexualität gegen diesen Geist ausgespielt werden? Die Erwähnung als Gottes Kinder angenommen zu sein
hört sich wie ein Widerspruch an. Wir sind Gottes brave und liebe Kinder, aber ein wesentlicher Aspekt unseres Menschseins wird abgespalten: die Sexualität.
- Tatsächlich provoziert dieser Text. Zuerst er klingt altmodisch, moralisch säuerlich.
Wie kann ich ihn ernst nehmen und die gute Botschaft Gottes für mein Leben hören? Oder soll ich den Text lieber gleich als unbequem wegschieben und dann mit dem inneren
Zwiespalt leben, dass das Christentum eben doch leibfeindlich ist ?- Aber dann hätte ich das Gefühl, unaufrichtig zu sein. Dieser Text hat etwas mit meinem Leben zu tun. Wenn ich versuche ihn zu
ignorieren, dann laufe ich Gefahr, dass mein Glauben und mein Christ sein bigott, und dass ich heuchlerisch werde.
- Der Text wird so richtig spannend, wenn wir uns das gesellschaftliche Umfeld und die Situation ansehen, in welcher er ursprünglich geschrieben, gelesen und gehört wurde.
Irgendwann zwischen 50 und 60 nach Chr. hat der Apostel Paulus, von dem wir ja noch mehr solcher klischeehaften und kritischen Aussagen zur Sexualität und Geschlechterrollenfragen kennen, von
Griechenland aus an die Gemeinde in Rom geschrieben, bevor er später dorthin kam. Die christliche Gemeinde bestand dort Heiden- und Judenchristen. Sie stellten in Rom eine nicht ernstzunehmende
Minderheit dar. Ihre Religion war mit dem Mensch gewordenen und gekreuzigten Gott einfach zu lächerlich und zu entwürdigend für das römische Selbstverständnis. Das Christentum war eher etwas für
Ungebildete, für ebenfalls gescheiterte Existenzen wie ihr Religionsstifter Jesus einer war- aber nichts für stolze Römer.
Die Verhältnisse, in welcher die Römer lebten, mussten für die Gläubigen in der christlichen Gemeinde einfach dekadent erscheinen. Ein guter Römer, der etwas auf sich
hielt, arbeitete nicht selbst mit den Händen für den Erhalt seines Lebens, sondern hatte Sklaven dazu. Das Leben war stark von einem Höherstreben und der Suche nach Selbstverwirklichung bestimmt.
Dass der Apostel und dass die Christen diesen Lebensstil, der von der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse geprägt ist, und dass sie die gewaltvollen und die selbstherrliche Geilheit der
Gladiatorenspiele und auch die überschwänglichen Gelage anprangern, wird gut verständlich.
- Dass aber die Ablehnung eines vergnügungssüchtigen Lebensstils als ein Leben nach dem Fleisch in der Kirchengeschichte bis in unsere Zeit hinein als eine Ablehnung der
sexuellen Lust interpretiert und missverstanden wird, liegt in den Einflüssen der griechischen Philosophie auf die junge Kirche begründet und deren unselige Verquickung mit christlichen Inhalten. Der
Terminus vom Fleisch in unserem Bibeltext wurde überlagert von der platonischen Leib- Seele- Geist- Spaltung, welche dem jüdisch- christlichen Denken in ihren Ursprüngen fern ist. Die Überbetonung des
Seelisch- geistlichen als den gottnahen Anteilen im Menschen entspringt der griechischen Philosophie, nach welcher die Seele im Kerker des Fleisches gefangen ist und daraus befreit werden muss, um sich
völlig fei entfalten und zu Gott aufschwingen zu können.
Die Kirche hat dann dieses Verständnis aufgegriffen, in dem sie das Fleisch nicht mehr als einen Begriff für den Egozentrismus verstand, sondern mit dem Leib gleichsetzte
und den sexuellen Bedürfnissen und dem lustvollen Begehren.
- Das hat mit dem sinnesfreudigen Jesus wenig zu tun, der den Wein für das ausgelassene Hochzeitsfest spendiert und der selbst fröhlich mit den Huren und Zöllnern Gottes
Freiheit feiert, noch mit dem Psalmdichter, der ausruft: Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist!
Der Psalmbeter fordert uns damit doch gerade zu heraus zu einem sinnenvollen Leben in der Dankbarkeit vor Gott. Wer aufmerksam durch das Hohelied des Alten Testamentes
blättert, der kann überrascht werden von der knisternden Erotik in den Beschreibungen des begehrten Partners und den Begegnungen der Liebenden, wie wir sie zu Beginn des Gottesdienstes schon hörten.
- Den Begriff "Fleisch" beginne ich zu verstehen als einen Ausdruck für ein Leben, das ganz aus einer egozentrischen Sichtweise gestaltet ist, krampfhaft
und gefangen in der Sorge, auf keinen Fall zu kurz zu kommen, blind geworden dafür, wie dieses Kreisen um das eigene Ich innerlich verkrümmt und den Menschen verkümmern lässt, unfähig zu entdecken,
welche guten und reichen Möglichkeiten das offene und freie Leben birgt.
- Dann wird auch diese Geiz-ist-Geil- Mentalität, die den größten Profit herausschlagen will, auch auf Kosten anderer, zu einer Form des fleischlichen Lebens. Fleischlich
sein, nur auf sich selbst bedacht, "mein Haus, mein Boot, mein Auto, da staunst du was", nicht mehr weiterblickend als die eigene Nabelschau es zulässt, dass kann nicht in die Zukunft
Gottes einmünden, weil die Einstellung: "Lasst uns feiern und fröhlich sein, denn morgen sterben wir." doch von der Angst vor der eigenen Kleinheit und Durchschnittlichkeit und
letztendlich vom Fatalismus geprägt ist und jede Solidarität und echtes Mitgefühl erstickt. Fleischlich sein, dass ist mehr als nur Verliebt zusein in die eigene Geilheit und Attraktivität.
- "Die gute Nachricht" übersetzt und interpretiert unseren Bibeltext gut verständlich und nachvollziehbar, wenn sie formuliert: "Ihr aber untersteht nicht
mehr der Herrschaft eures selbstsüchtigen Willens"...
Wenn unser Leben keinen anderen Integrationspunkt mehr finden kann als unser eigenes begrenztes Ich, dann laufen wir in eine Sackgasse, kommen aus der Wahnsinnsspirale
nicht mehr heraus. In dem Hunger nach Selbstbestätigung sind wir dann nicht mehr in der Lage satt zu werden, womit unser Leben an Gutem und Lustvollen gesegnet ist. Der Zweifel bleibt und nagt
unerbittlich, ob das ausreichen kann, ob nicht zu guter letzt ein Vakuum bleibt.
- Wenn ein kleines Baby Hunger hat oder sich Unwohl fühlt, dann schreit es und macht auf sich aufmerksam. Es braucht die Liebe eines erwachsenen Menschen, der es aufnimmt
und in die Arme schließt, ihm Nahrung gibt und mit ihm liebevoll umgeht. Ohne diese Liebe und Fürsorge kann es kein glücklicher und aufrechter Mensch werden und seine Entwicklung ist bedroht. Emotional
gesehen sind wir alle immer wieder wie dieses Baby. Der coolste Kerl und toughe Frau: wir alle brauchen diese Liebe und Anerkennung, sonst verkümmern wir, können mit uns selbst nicht mehr gut klar
kommen, werden unerträglich. Wir alle brauchen es, dass sich jemand mit uns am Leben und über unser Leben freut. Manche Erwachsene sind innerlich nie über dieses Baby- Stadium hinausgewachsen. Ihr
Habitus, ihr Reden und Auftreten, das was sie machen und vorgeben zu sein ist wie das unerträgliche Schreien und das nervtötende Quäken des unversorgten Säuglings.
- Welche Auflösung bietet uns der Bibeltext aus unserem Dilemma? Leben aus dem Geist? Heißt das: Selbstverleugnung und falsche Heiligkeit? Das alles kann doch auch genau
zur anderen Seite der unausstehlichen Selbstsucht werden.
- Der Bibeltext ruft uns zu einem Leben in einem neuen Geist heraus. Aber das ist gerade keine fromme Selbstbeschau und die Kasteiung, die Verleugnung eines Lebens in Lust
und der Freude an den vielen schönen Dingen, die Gott und das Leben für uns bereithalten. Dieses neue Leben wird möglich, weil Gott uns zuruft: Du bist mein Kind. Ich rufe dich bei deinem Namen. Du bist
angenommen, unabhängig von deiner Leistungsfähigkeit und Attraktivität. Dieses neue Leben liegt in dieser umfassenden Bejahung und der Annahme unseres Lebens begründet, in der auch wir unser Leben
annehmen und gestalten, es genießen und uns daran freuen können.
- Egal, wie viele Typen sich auf der Straße nach dir umdrehen und bei wem du Chancen hast. Gott sagt: Du bist mein. Meine Liebe gilt dir.
- Ich löse dich aus dieser Sklaverei heraus, dass du dir immer mehr abverlangen musst an Lebenssteigerung, damit du dich annehmen kannst.
- Ich löse dich aus der Sklaverei, du müsstest allein die Sorge dafür tragen, dass dein Leben gelingt und erfüllt ist und dass alles nur davon abhängt, wie gut du ankommst
und wie beliebt und erfolgreich du bist. Du bist mein Kind.
- Du bist mein Kind. Du bist mein Erbe. Der Himmel und die Erde können schon jetzt dir gehören. In meiner Liebe gibt's nichts, was dich davon trennt, heute all das
Gute in Besitz zu nehmen und dich beschenken zu lassen.
- Öffne die verkrampfte Faust, die festhalten will, was dir nie wirklich gehört hat.
- Öffne die Hand und entdecke, wie viel Gutes sich darin finden lässt, was Gott dir schenkt, was du dir nie erarbeiten und nie herbeizwingen kannst.
- In dem neuen Geist leben, das Leben als ein Geschenk zu begreifen: in Gott den Vater oder die Mutter entdecken, die dich rufen und die dein Leben bejahen, das kann zur
Chance werden, das Leben wieder zu genießen und mit Freude zu entdecken, wo es sich vielleicht nicht mehr in den vordergründigen Superlativen abspielt.
- Herausgelöst aus der einsamen und krankhaft egozentrischen Sorge; offen zu werden für die vielen Begegnungen, die um dich herum möglich werden. Wieder sensibel zu werden
für all die kleinen Freuden und die Sinnlichkeit des alltäglichen Lebens:
- Der Duft einer Blume und das Lächeln des Nachbarn. - Ein Stück Brot abbeißen. - Die Kraft deines Körpers spüren. - Oder die Freude auf einen Brief erleben, der
heute kommen wird.
- Einen lieben Menschen in den Arm nehmen. - Und eben auch: Die Freude an der Sexualität.
- Lustvoll leben und voll Dankbarkeit.
Amen
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