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Predigt September 2003

Queergottesdienst am 21. September 2003

Predigttext: Lukas 17, 11-19

Liebe Queergemeinde!

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Auf diesem Weg durchquert er auch das Grenzgebiet von Galiläa, der Heimat Jesu im Norden Palästinas, und des südlich davon gelegenen Samariens. Dort ereignet sich das Geschehen, von dem uns der Evangelist Lukas im heutigen Predigttext berichtet.

Aussatz ist in der Sprache der Bibel eine Sammelbezeichnung für verschiedene Hautkrankheiten: von der Schuppenflechte bis zur Lepra, an die viele von uns sicher zuerst denken. Auch der Pilz- und Schimmelbefall an Häusern wurde als „Aussatz“ bezeichnet. Aussatz war zur Zeit der Bibel eine äußerst gefürchtete Krankheit: Das Alte Testament kennt ausführliche Regeln, nach denen Aussatz festgestellt wurde. Aussätzige galten als unrein. Die Diagnose oblag den Priestern. Da die Krankheit nicht heilbar war, wurden Kranke aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und unter Quarantäne gestellt. Im dritten Buch Mose heißt es: „Wer nun aussätzig ist, soll zerrissene Kleider tragen und das Haar lose und den Bart verhüllt und soll rufen: Unrein, unrein! Und solange die Stelle an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein.“ Auf diese Weise sollte zumindest weitere Ansteckung verhindert werden.

Die Aussätzigen, von denen Lukas spricht, halten sich an diese Regeln. Nur von ferne rufen sie: „Jesus, Meister, erbarme dich unser.“ Was dann geschieht, wissen wir nicht so recht. Eigentlich geht alles sehr schnell. Im Gegensatz zu anderen Stellen berichtet Lukas an dieser Stelle nicht von einer besonderen Heilmethode oder Zeichenhandlung Jesu. Dieser fordert die zehn Männer lediglich auf: „Geht und zeigt euch den Priestern.“ Denn diese waren nicht nur berechtigt, den Ausbruch der Krankheit festzustellen, sondern mussten auch eine mögliche Heilung bestätigen.

An dieser Stelle könnte die Episode zu Ende sein: eine der zahlreichen Krankenheilungen Jesu, von denen die Evangelien berichten. Handlungen, mit denen denen Jesus deutlich macht: Das Reich Gottes ist nahe, es ist schon angebrochen – mitten unter euch.

Die Stelle, die wir heute gehört haben, hat aber noch eine besondere Pointe: Einer der Geheilten kehrt zurück, um sich bei Jesus zu bedanken – in geradezu überschwänglicher Weise. Doch wer wollte ihm das in seiner Situation verdenken. Die Heilung bedeutet für ihn nicht nur das Ende einer schlimmen Krankheit, sondern auch die Rückkehr in die soziale Gemeinschaft.

Jesus weist den Dank ab: Es ist Gott, dem die Ehre gebührt, und dessen Herrschaft er durch seine Taten und Zeichen ankündigt. Dies ist die Botschaft, die Jesus in zahllosen Gleichnissen, Bildern und Zeichenhandlungen – immer und immer wieder – verkündet, während er auf dem Weg nach Jerusalem ist, wo sich sein Weg vollenden soll – in Kreuz und Auferstehung.

Lukas hat noch einen besonderen Clou in die Geschichte eingebaut: Es ist nicht irgendeiner von den zehn Geheilten, der umkehrt. Es ist gerade der Samariter, der zu Jesus zurückkehrt und für seine Heilung dankt. Was macht das Verhalten des Samariters so bemerkenswert?

Jesus wandert durch ein Gebiet, in dem kulturelle und religiöse Gegensätze aufeinander prallen. Ohne Spannungen geht dies selten ab, wie die Geschichte lehrt. Die Samariter galten zwar als Israeliten, nicht aber als rechtgläubige Juden. Sie wurden wie Heiden oder Fremde behandelt. Wann sich die Samariter vom übrigen Judentum trennt, liegt historisch im Dunkeln. Der Hauptgrund für die Entzweiung war die Errichtung eines eigenen Tempels auf dem Berg Garizim und die Abwendung vom Kult in Jerusalem. Da die Samariter nur die fünf Bücher Mose anerkannten, war ihnen eine Messiaserwartung, die sich auf das Königshaus Davids stützte, fremd.

Gerade der Samariter – einer also, der als nicht so ganz rechtgläubig gilt, - ist es, der erkennt, was eigentlich mit ihm geschehen ist. Er spürt, was hinter den Worten und Taten Jesu steckt. Um was es im letzten geht. Und Jesus selbst bestätigt sein Vertrauen mit den Worten: „Dein Glaube hat Dir geholfen.“ Das Neue Testament kennt zahlreiche Stellen, in denen das Verhalten von Samaritern als positives Gegenbeispiel herausgestrichen wird – eine dieser Stellen ist sogar sprichwörtlich geworden. Rechtgläubigkeit entscheidet sich nicht am äußeren Verhalten, sondern am Glauben, am Vertrauen auf Gott. Oder anders gesagt: Glauben lässt sich nicht durch konfessionelle Schranken binden.

Szenenwechsel: Vor anderthalb Monaten sind wir – zumindest in der katholischen Kirche – wieder einmal Zeuge einer neuerlichen Grenzziehung geworden. „Natürliche“ und „unnatürliche“ Sexualität, „geordnete“ und „ungeordnete“ Beziehungen, „erlaubte“ und „unerlaubte“ Liebe, eheliche Partnerschaft auf der einen Seite, die ein Recht auf „qualifizierte Anerkennung“ habe, und gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften auf der anderen Seite, deren rechtliche Anerkennung, „unvernünftig“ und „ungerecht“ wäre ... Ihr habt es sicher schon erraten: Ich meine das jüngste Papier aus dem „Hause Ratzinger“ – ein Papier, das vermeintliche Gegensätze mit allen Mitteln bleibend und dauerhaft festschreiben will. Das Papier ging durch die Presse und wurde – wenn auch leider nicht unbedingt immer von hochrangiger Stelle – aus allen politischen Lagern heftig kritisiert. Ich möchte gar nicht viele Worte dazu verlieren, aber ich denke, daß wir in einem Queergottesdienst auch nicht ganz darüber schweigen sollten – so hat dieses Papier doch viele von uns verletzt, enttäuscht, erschüttert, sprachlos oder wütend gemacht. Es hat alte Wunden von neuem aufgerissen. Wer in der Kirche arbeitet, ist ganz existenziell davon betroffen. Einige fragen sich immer drängender, vielleicht mutlos oder auch verbittert: Lohnt es sich überhaupt noch, in der Kirche zu bleiben? Und auch in der evangelischen Kirche bricht die Diskussion über Partnerschaftssegnungen von Neuem auf. Realistischerweise darf nicht übersehen werden: Ein Gottesdienst, wie wir ihn heute abend feiern, ist nicht die volle kirchliche Realität.

Nun wäre es zu einfach – zumal in einer Welt, in der Lepra noch keineswegs überall besiegt ist –, die Gleichung aufzumachen: damals aussätzig – heute schwul. Eines lässt sich aber vielleicht doch sagen: Ein solches Papier kann Grenzen ziehen und Gräben aufreißen – äußerlich und mit den Machtmitteln einer Institution. Doch der Wunsch danach, die eigene Beziehung segnen zu lassen, sich auch als schwuler Christ und lesbische Christin offen am Altar versammeln zu können oder die eigene Lebensform in Predigt und Gottesdienst aussprechen zu dürfen, gründet tiefer. Die Glaubenserfahrungen, die hinter diesen Wünschen stecken und die auch diesen Queergottesdienst wachsen ließen, werden von einem derartigen Papier nicht erfasst.

Jenseits aller Grenzziehungen, die Menschen auch heute noch vornehmen, jenseits aller Gegensätze, die heute wie damals aufgebaut werden, dürfen wir uns zusprechen lassen – als Trost, aber auch als Mahnung und Herausforderung: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Das ist der Kern unserer Existenz, auf den es vor Gott ankommt. –

 

 

- 2. Teil -

Im heutigen Predigttext wird deutlich, dass für Jesus die Bindung an eine Volkszugehörigkeit oder an eine Glaubensrichtung nicht wesentlich war. Ob rechtgläubiger Jude oder ketzerischer Samariter, ob lutherischer Protestant oder römischer Katholik – essentielle, tief greifende Glaubenserfahrungen sind wohl für die meisten Christen die Grundlagen, bilden das Fundament ihrer Religiosität und Spiritualität.

In unserer biblischen Geschichte vom dankbaren, geheilten Samariter wird deutlich, dass es eine allein seligmachende Kirche gar nicht geben kann. Nur der einzelne Mensch findet zum Glauben; ausgerechnet der im strengen jüdischen Sinn nicht rechtgläubige Samariter kehrt zu Jesus zurück, wirft sich vor ihm zu Boden, unterwirft sich seiner Gewissheit, seines festen Vertrauens, seines Glaubens an die heilende Kraft Jesu und die göttliche Gnade, die ihn gesund gemacht hat.

Nichts Automatisches, Funktionelles, Reglementiertes ist der Glaube; nur einer von zehn kehrt um, entschließt sich, voller Dankbarkeit und im Überschwang der Freude über seine Heilung in einer demutsvollen Geste seinen Glauben an Jesus Christus zu bekunden, gesteht ein, dass seine Heilung ohne sein „Ansehen, Verdienst und Würdigkeit“ – so Luthers Worte im zweiten Hauptstück seines Kleines Katechismus über den Glauben – zustande kam.

„Dein Glaube hat dir geholfen.“ – Jesus erkennt diesen Glauben des aussätzigen Samariters und gibt uns allen die ausdrückliche Gewissheit und Zuversicht, dass einzig und allein unser Glaube, unsere Urvertrauen in die Güte und Barmherzigkeit Gottes hilfreich ist und heilt.

Wir singen und beten später eines der ergreifendsten und überzeugendsten Glaubensbekenntnisse, das ein Mensch formuliert hat. Dietrich Bonhoeffer schrieb diesen Text in größter existentieller Einsamkeit und in höchster physischer und psychischer Bedrängnis in der Kerkerhaft der Gestapo im Dezember 1944. In der ersten Strophe heißt es:

      „Von guten Mächten treu und still umgeben,
      behütet und getröstet wunderbar,
      so will ich diese Tage mit euch leben
      und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Ich erinnere mich an meine Lehramtsprüfungen, an die durch Prüfungsstress und Notendruck Angst erfüllten Tage und Nächte davor. Ich war zwar nicht von Gefängnis, Verurteilung und Hinrichtung bedroht wie Dietrich Bonhoeffer; das Ausgesetztsein in diesen Prüfungen, das Ausgeliefertsein an das Wohlwollen fremder Menschen in diesen zukunftsentscheidenden Stunden machten mir buchstäblich „himmelangst“.

Gute hilfreiche Freunde, meine Zuversicht, mein unbedingter Glaube an die guten Mächte, mein Vertrauen in die göttliche Fügung und an den himmlischen Beistand geben mir in diesen Stunden höchster körperlicher und geistiger Anspannung ungeahnte Kräfte, die mich damals zu Höchstleistungen beflügelten. Wie erleichtert war ich immer am Ende und wie dankbar meinem Schöpfer, dass er mich durch dieses Tal geführt hatte und dass hinterher alles gut war.

Weiter heißt es bei Bonhoeffer:

      „Von guten Mächten wunderbar geborgen,
      erwarten wir getrost, was kommen mag.
      Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
      und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Ich glaube fest daran, dass mich Gott auch in schwerer Krankheit nicht allein lässt und mich wieder heil werden lässt. Ich weiß, dass alles aus Gottes Händen kommt. Das Gute und Schöne, wie zum Beispiel die Erleichterung und das Glück nach bestandenen Prüfungen. Aber auch die Dunkelheit der beklemmenden und würgenden Angst vor den bedrohlichen und schleichenden Folgen meiner Infektion.

Ebenso wie den für damalige Verhältnisse eigentlich auch unheilbar kranken, unreinen und aussätzigen Samariter, der an das Erbarmen des Meisters appelliert, Gott mit lauter Stimme lobt und Jesus dankt, macht mich mein Glaube dankbar und zuversichtlich:

Dankbar, dass ich so viel Gutes und Schönes erlebt und bestanden habe und zuversichtlich, dass auch mir mein Glauben helfen wird, wieder gesund und rein zu werden, und dass mein Schöpfer am Ende alles gut macht und mich gut gemacht hat, so wie ich gerade bin: prüfungsfit und tatenfroh in einem früheren Lebensabschnitt, kränkelnd und manchmal verzweifelnd im gegenwärtigen und vielleicht angstfrei und zufrieden in meiner letzten Lebensphase.

Ich weiß es und habe es schon so oft erlebt:

Gott schickt immer wieder seine Engel in vielen Erscheinungsformen und wir sind immer von guten Mächten treu und still umgeben. Befreien wir Christen uns doch, so weit es geht, von institutionellen Kleinkariertheiten und kirchlichen Zwängen. Im Glauben an die Güte und im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, die am Ende alles gut und heil machen, können wir uns getrost der Glaubensgewissheit Martin Luthers anschließen und sein Hauptstück vom Glauben beten:

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.“

Amen

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