Predigt zum CSD Gottesdienst am 3.8.03, in St. Lorenz
(Thema CSD: „Hier sind wir zu Hause – Schwule und Lesben in Franken“)
Predigttext Eph 2,17-22
Ihr Lieben!
Na, was sagt Ihr zu diesen Pappkameraden?!
Leider ist es ja nicht so, dass jetzt ein Text eingeblendet wird, wo zu lesen ist: „Alle Personen in diesem Stück sind frei erfunden und haben keinerlei
Ähnlichkeit mit lebenden Personen!“ Leider sind sie nur allzu real – und auch sehr lautstark, wie Ihr sicher mitgekriegt habt! Gerade Ende dieser Woche hat sich die katholische Kirche in Form
von Herrn Ratzinger wieder zu Wort gemeldet, wobei er ja eigentlich nichts Neues sagt, nichts, was uns nicht schon beleidigt und verletzt hätte! Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll! Es ist ja
fast schon von rührender Vorgestrigkeit, was er von sich gibt: Homosexualität ist ein „beunruhigendes moralisches und soziales Phänomen“, eine „Anomalie“ und – Achtung! – jetzt
wird’s theologisch: es gibt „keinerlei Fundament“ dafür, eine Gleichförmigkeit zwischen homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem „Plan Gottes über Ehe und Familie“ herzustellen. Was
soll man da noch sagen? „Ach Herr Ratzinger, sein’S so gut, zeigen’S mir den Plan mal...“ Ja, Lachen oder weinen....
Und die Evangelische Kirche? Die kann sich wieder mal nicht entscheiden, oder besser, will keinen vergrätzen. Lesben und Schwule auch nicht, nein, nein!
Aber es gibt ja noch besagte Tante Evangelikarla, die Strenge! Die weiß, was sich gehört, und hängt die Sache gleich mal am Bekenntnis auf: „Wenn Ihr Pfarrer ein homosexuelles Paar segnet, dann steht das
nicht mehr auf dem Grund des Bekenntnisses! Treten Sie aus!“
Und so wird sich von offizieller Seite weiter punktgenau zwischen alle Stühle gesetzt, man verordnet „seelsorgerliche Begleitung“ - Segnungen aber
bitte höchstens in der Sakristei und ohne große Glocke und verwechseln dürfen soll man’s auch nicht können mit der Ehe, versteht sich!
Nee, versteht keiner mehr!
Lachen oder weinen...
Und dann steht man da beim Familientreffen wie grad die Lily, freudig erregt, weil man eingeladen ist und bringt die Freundin mit und will dazugehören
– und dann ist frau da ein Fremdling! Dieses komische Wort aus dem Predigttext von vorhin: Fremdling – nicht zu erkennen, ob Freund oder Feind. Anders. Unbekannt. Ungekannt. Fremd.
Das, was man eigentlich nicht mehr sein wollte. Ein Gefühl, das wir Schwule und Lesben gut kennen, denke ich. Fremd in der eigenen Haut zu sein – wer
bin ich eigentlich? Wo gehöre ich hin? Zu wem will ich hin? Wer hat sie nicht durchgemacht, die Verwirrspiele des Coming Out: Kann es wirklich sein, dass ich Frauen attraktiver finde als Männer? Darf das
sein, dass ich lieber einen Mann küssen will als meine Freundin? Bei manchem geht’s leichter, ja, aber oft ist es ein harter Kampf um die eigenen Identität und das Selbstbewusstsein, jemand zu
sein. Und geliebt zu werden.
Und dann? Coming out ist ja nicht mit einmal gegessen. Immer wieder die leidige Frage, das Fremdsein unter neuen Freunden, die selbstverständlich und ohne
böse Hintergedanken annehmen, dass du hetero bist. „Und? Hast dun Freund?“ Das Fremdsein in der eigenen Familie, die Eltern, die sich Enkel wünschen und die Freundin schon gerne als
Schwiegertochter sähen, aber eben nur dann, wenn sie die Freundin meines Bruders wäre....
Und zuweilen fühle ich mich fremd unter meinesgleichen. Fremd in der Szene, fremd in der Disco. Was soll eigentlich das coole Rumgestehe in dunklen Ecken,
einen Drink in der Hand, den Blick starr auf die Tanzfläche. Unter Lesben scheint ja das eherne Gesetz zu gelten: „Wer zuerst lächelt, hat verloren!“ Und was soll eigentlich der Bodykult bei den
Männern? Ab wann ist denn einer nicht mehr angesagt und warum belächeln wir die alten Schwulen, die sich doch noch ins E-Werk trauen?!
Sich selber fremd sein. Warum bin ich so? Warum mach ich den ganzen Affenzirkus mit um unsere Trennung? Warum kriech ich ihr hinterher und geh immer wieder
in die Hölle namens Pink Saturday oder wie das heißt nur um sie mit ihrer Neuen zu sehen? Warum lässt du ihn fallen wie ne heiße Kartoffel, weil er nicht jetzt hier auf der Stelle mit dir ins Gebüsch
will?
Fremdling dir selbst. Fremd den eigenen Gefühlen, dem eigenen Leben, fremd in der eigenen Wohnung. Hier haben wir mal zusammen gewohnt, da steht noch sein
Rasierwasser, hier ist noch ihr T-Shirt. Aber du willst das alles nicht mehr. Von einem Tag auf den andern hast du genug von euch. „Wir – das ist Vergangenheit“, sagst du und lässt ihn
stehen, sie ist passé. Wie ne Schachtel Pralinen – gut geschmeckt, ja, aber jetzt ist sie nun mal leer und es gibt noch viele andere Leckereien. Jetzt ist die Zeit zum Naschen, denkst du, und nicht
zum Nestbauen.
Fremd bist du dir geworden, ein schaler Geschmack auf der Zunge, wenn du an das denkst, was du mal so sicher wolltest.
Fremd sein heißt sehnsüchtig sein. Sehnsüchtig nach mir, nach dem Kern da tief drin. Sehnsüchtig danach, sich selbst nahe zu sein und ganz zu sein. Andern
nahe sein zu können und nicht sich gegenüber stehen zu müssen wie Fremde, die nicht mehr wissen: „Kann ich dem vertrauen oder trägt der ein Messer? Soll ich meins schon zücken? Soll ich die Arme
öffnen?“
Du Fremdling – Freund oder Feind im Haus der Kirche? Du klopfst an und freust dich auf’s Familientreffen, auf die gemeinsame Feier unter einem
Dach und dann heißt’s: Members only!
Wie stehst du dann da im Haus Kirche mit deinen ‚homosexuellen Neigungen’, bei denen, die die Worte „schwul“ oder „lesbisch“ nicht mal
aussprechen können, die dich aber mit schalen Worten reinkomplimentieren in das, was sie ihr Haus nennen. Die dich in ihre Arme schließen aber der Druck bleibt merkwürdig schlaff. Sind dir da die klaren
Feinde lieber, die echten Kerle, die Ratzingers dieser Welt, auf die man schimpfen kann, weil sie höchstens noch Heilung für dich als Weg sehen - aber bitte, der Weg führt raus aus der Kirche?!
Was soll das dann alles? Was heißt das, was der Paulus da schreibt?
„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“
Mitbürger – Hausgenossen. Fühlen wir uns so? Wir Lesben und Schwule empfinden es oft nicht so, weil wir nicht so behandelt werden. Im Gegenteil: An
unsere Zimmern im Haus wird uns immer wieder das Schild an die Tür geschlagen: „Hier wohnt ein Fremdling!“
Ich sag euch jetzt, was wir machen: Wir sticken in roten Lettern auf weißen Stoff den Hausspruch: „Wir sind Mitbürger der Heiligen und Gottes
Hausgenossen!“ und hängen ihn in der Gemeinschaftsküche auf! Und dann fangen wir immer wieder die Diskussion an, denn Mitbürger und Mitbürgerinnen sind wir; Menschen mit Stimmrecht, Menschen mit
Mitspracherecht, Menschen mit Wohnrecht! Wir sind mitbeteiligt daran, wie das Haus einzurichten ist, mitbeteiligt am Gottesdienst im Haus. Wir sind Kirche! Wir sind Kirche, weil wir zum Haus Gottes
gehören. Ja, und wir dürfen unsere Zimmer so schrill einrichten wie wir wollen und auch der schrille Herr Kardinal wohnt da, auch wenn’s uns genauso wenig passt wie ihm. Und auch der ewig hin
und her manövrierende Herr Landesbischof wohnt da: Tür auf – Tür zu – Tür auf! Und die olle Tante Evangelikarla, mein Gott, ja, auch die!
Ihr Lieben, tröstlich ist ja, dass nicht nur wir und die da wohnen, in dieser WG des Lebens, sondern viele andere auch: Weniger Schrille, die Normalen und
die Gutwilligen, die Leisen und die, die den Kopf schütteln über unser Gezanke am Mittagstisch! Die Vermittler. Auch die guten Freunde wohnen da, die sich zuweilen auch fremd fühlen, aus anderen Gründen
vielleicht. Die, die wir lieben und die wir in den Arm nehmen können. Die sich auch ärgern über die Möchtegern-Hausherren.
Hört noch mal Paulus: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen!“ Es gibt keinen Hausherren. Gott ist mit uns Hausgenosse, nicht
nerviger Vermieter und ewiger Nörgler und Besserwisser. Und vor allem das: Er ist kein Rausschmeißer! Hausgenosse...
Hier steht: Ihr seid Hausgenossen Gottes - Ihr seid es! Wir gehören zu dem Haus, wir sind dazugehörig in engstem Vertrauen. Jemand der im Haus wohnt, so
denkt Paulus, der ist verwandt im besten Sinne, der ist nahe und wird freundlich und in Liebe aufgenommen. Als Haus – genossen sollen die Bewohner und Bewohnerinnen zusammen leben. Ihr und ich, wir
wissen, dass das ein frommer Wunsch ist. Fromm, weil er immer wieder mit dem Unmöglichen rechnet und ein Wunsch, weil er die Sehnsucht aufrecht erhält nach dem Ende der Fremde.
Streit wird’s immer geben. WG – Leben kostet Kraft und dieses ganz besonders.
Es kostet immer wieder neuen Mut. Und wir werden uns immer wieder fremd fühlen, in der eigenen Haut und im eigenen Haus. Aber jemand anders hat die
Zimmerverteilung gemacht. Und der will, dass wir da wohnen. Und wenn ich mal die Tür zuschmeiße und heulend aufm Bett liege, und ganz still bin, dann flüstert er: „Psst, Hausgenossin...“
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
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