August 2002 CSD Gottesdienst
Predigt
Gott segne unser Reden und Hören.
Die Gretchenfrage ist gestellt: Wie hält’s du’s mit den Beziehungen?
Wie haltet Ihr’s denn mit den Beziehungen? Wie halte ich’s?
Wie viele verschiedenen Modelle gibt es denn nun? Doch mindestens so viele wie Besucher und Besucherinnen in diesem Gottesdienst. Wir hätten eine Umfrage machen können.
Wir hätten die hier vorgetragenen Modelle zur Disposition gestellt: „Wie lebst du?“ „Was wünscht du dir?“ wäre die Überschrift gewesen. Es gäbe dann verschiedene Rubriken, in die
sich jede und jeder einordnen kann; es ginge los etwa in der Art:
Bist du auf der Suche? Hast du schon mal eine Anzeige im Plärrer aufgegeben, hast auf eine geantwortet? Warst du gar schon bei der Partnervermittlung und was hast du da
dann angekreuzt – ‚Ewige Liebe’ oder ‚Nur für eine Nacht’?
Oder bist du bewusst Single? Lebst du gern allein, weil du dann dein eigener Herr, deine eigene Frau bist und weggehen kannst wann du willst und mit wem du willst und
überhaupt auch mal faul aufm Sofa liegen bleiben kannst?
Oder bist du glücklich in einer Beziehung? Du hast sie gefunden, dir ist endlich der Traumprinz über den Weg gelaufen und alles ist so, wie du dir es immer gewünscht
hast! Sie trägt dich auf Händen, er liegt dir zu Füßen, ihr ... tanzt durch die Nächte und ihr frühstückt im Bett. Das Leben ist schön und Beziehung das Höchste.
Oder bist du frisch getrennt? Dein Herz blutet, deine Augen sind rot unterlaufen und du bist wie ferngesteuert, funktionierst nur noch, tust deine Arbeit wie in Trance,
aber sie rennt in deinem Kopf herum, er beherrscht deine Gedanken, du kannst dich nicht mehr konzentrieren. Essen schmeckt nicht, nur noch flüssige Nahrung, bevorzugt Alkohol.
Und wie ist es mit dir? Ist dein Motto: Wer sich nicht bindet, muss auch nicht leiden? Hüpfst du durch die Betten, suchst du das Abenteuer und es findet dich
zuverlässig? Jeden Abend eine Neue, jede Nacht einen anderen. Du legst die Dinge offen, sagst, was du willst, nämlich Sex und bitte kein Nachspiel. Dir ist wichtig, Spaß zu haben, das Leben ist zu
kurz, um sich festzulegen.
Tja, und wie ist das mit dir? Du sitzt zwischen den Stühlen. Du kannst und willst dich auch nicht entscheiden, wie du leben möchtest und vor allem, was du gut findest
und was du verurteilst. „Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden“ denkst du – „leben und leben lassen!“ Und überhaupt erfasst dieser imaginäre Fragebogen ja längst nicht
alles was es gibt zwischen Himmel und Erde! Wie viele wird es hier geben, die sich nicht kategorisieren lassen wollen, die nicht in die aufgemachten Schubladen passen.
Welche Rolle spielt Gott innerhalb dieser Beziehungsmodelle? Er kann gar keine spielen; er kann nicht wichtig sein für meine Vorstellung vom Leben, von Partnerschaft.
Gott kann ins Spiel kommen, wenn man versucht sein Leben auszurichten an dem, was von Gott her geboten ist, nämlich seinen Nächsten zu lieben, sich selbst zu lieben und Gott zu lieben. Zu allen eine
Beziehung pflegen; die Beziehung zu Gott ist sicherlich mal mehr und mal weniger intensiv. Aber sie kann möglicherweise eine dritte Dimension eröffnen, jenseits des Fixiert-seins auf mein Ego, auf die
Wünsche meiner Partnerin, meines Partners, eine Dimension jenseits von Sex und jenseits von Beziehungsmodellen. Die Öffnung nach oben. Was heißt das eigentlich, sich unter dem Schutz Gottes fühlen,
die Zeit miteinander als etwas Besonderes anzusehen, für das man dankbar ist?
Ich würde gerne etwas pragmatischer werden und einen Blick in den eben gehörten Text werfen, den Paulus den Christen in Rom als einen Vorschlag für ihr Zusammenleben
geschrieben hat. Wie wäre es, einmal nur drei dieser Gedanken aufzunehmen und zu prüfen, was sie bedeuten könnten im Blick auf gelebte Beziehungen, ob Paulus eine Idee hatte davon, was Beziehung
trägt.
Und er legt gleich richtig los: „Die Liebe sei ohne Falsch.“ Wo die Liebe herrschen soll zwischen zwei Menschen, da ist kein Platz für Falschheit, für Lügen und
Betrügereien. Das sind selbstverständliche Dinge zwischen Liebenden, ein Verhalten, dass man sich immer wieder vornimmt und auch willens ist durchzuhalten. „Wir sagen uns alles. Wenn du dich mal
verliebst, sagst du’s mir gleich, ja? Wenn du mich nicht mehr so liebst, will ich’s gleich wissen.“ So oder ähnlich könnten die Willensäußerungen zur bedingungslosen Ehrlichkeit
sich anhören. Aber seien wir ehrlich: allzu oft fällt genau das schwer; da will man nicht verletzen, hat Angst vor der Reaktion, will sich vor der Auseinandersetzung drücken, schiebt die innerlich
längst gefällte Entscheidung auf die lange Bank und im schlimmsten Fall wartet man, bis der andere dahinter kommt und man nicht selber Schluss machen muss. Und Ehrlichkeit kann ja auch verletzen; Dinge
voreinander auszusprechen, zu den eigenen, oft widersprüchlichen Gefühlen zu stehen erfordert Mut und Stärke. Ansprechen, was einem auf der Seele brennt ;Aushalten, was einem da entgegengeschleudert
wird. Die richtigen Worte finden füreinander, sich den Respekt zu bewahren – all das ist nicht leicht zu lernen, nicht leicht auszuhalten, nicht leicht aufrecht zu erhalten. Die Liebe kann aber
auch falsch sein, wenn sie wahrhaftiges Leben behindert, wenn zwei sich abhalten davon, so zu leben, sich so zu geben, wie sie sind. Liebe kann einengen; eine kann sich für die andere, für die
Beziehung klein machen, einer kann den anderen ausnutzen, benützen für sich und seine Bedürfnisse. Liebe, Beziehung kann aufrecht erhalten werden, weil man Sicherheit sucht, weil man meint, alleine
nicht zurecht zu kommen, weil man den eigenen Füßen und ihrer Standfestigkeit nicht traut, weil man die eigene Eitelkeit stillen will, die eigene Unsicherheit verstecken will. Auch hier lauert die
Falschheit.
Ich stelle mir gerade ein Bild in einem Goldrahmen vor, dass im Flur etwas verschämt hinter der Tür hängt. Auf dem Bild steht gestickt in roten Lettern: „Die Liebe
sei ohne Falsch,“ umkränzt von grünen Efeuranken. Man sieht das Bild nicht immer, es ist dunkel im Flur und wenn man die Tür öffnet, ist es sowieso verdeckt. Manchmal fällt ein schneller Blick
darauf, dann hält man es für kitschig und beschließt es beim nächsten Großputz abzunehmen. Und manchmal fällt ein längerer Blick darauf und man stutzt, weil einem bewusst wird, was gemeint ist;
ein Wunsch, etwas wonach zu streben ist in einer Beziehung, eine Erinnerung, die man ganz gern dann und wann vor Augen hat.
Paulus fährt fort: „Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor.“
Mein erster Gedanke hierzu ist: Wie kann mann, wie kann frau sich in Ehrerbietung trennen?! Geht das? Hat das schon mal jemand erlebt? Oder muss immer die Schlammschlacht
eintreten, ist das ein Naturgesetz?
Auch das scheint ein langer Lernweg zu sein; die Verantwortung zu erkennen, die man füreinander hat. In dem Buch „Der kleine Prinz“ reist dieser von Planet zu
Planet und trifft viel wunderliche Gestalten. Als er einem Fuchs begegnet, erklärt ihm dieser, was es heißt, jemanden zu zähmen; er sagt: „Es bedeutet, sich vertraut machen. (...) wenn du mich
zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt...“ Als die beiden sich trennen, muss der Fuchs weinen und der kleine
Prinz wirft ihm vor, durch das Sich-Vertraut-Machen doch nichts gewonnen zu haben. Aber der Fuchs erwidert: „Ich habe die Farbe des Weizens gewonnen.“ Das Haar des Prinzen ist nämlich
weizenblond. „Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern,“ so der Fuchs. „Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide lieb gewinnen.“ Und so bleibt Erinnerung an die
Zähmung, an die Zeit, in der die beiden sich vertaut waren, in denen sie sich nahe waren. Und liegt nicht hier die Ehrerbietung der Trennung: Nicht auf dem herumzutrampeln, was man gemeinsam hatte,
sondern die verbrachte Zeit in Ehre zu halten, nicht kaputt zu reden, was der anderen noch bleibt aus der Beziehung und nicht lächerlich zu machen, was einem an ihm einmal gefallen hat?
Und wie ist es mit dem dritten Gedanken: „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.“
Diesen Satz möchte ich allen jenen übers Sofa hängen, die sich in einer längeren Beziehung befinden – also mir selbst auch! Und ich möchte ihn ergänzen: Bleib
nicht faul und matt vor der Glotze hängen, auch wenn Ulrike Folkerts ermittelt! Raff dich auf und zeig ihr, dass du sie liebst, knutsch ihn ab in der Breiten Gasse. Dass zwei sich gefunden haben und
einander verstehen, sich annehmen, ist nichts Selbstverständliches. Lehn dich nicht zurück in den Ohrensessel deiner Beziehung in der Meinung, „das läuft schon alles!“ Nicht umsonst gehört
die Trägheit in der katholischen Lehre zu den sieben Todsünden...
Es geht also um den Umgang miteinander. Es geht nicht um Wertung; es kann gar nicht darum gehen, eine Lebensform über die andere zu stellen. Es geht um Verantwortung
füreinander. „Du bist zeitlebens verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast,“ das ist das Geheimnis, das der Fuchs dem kleinen Prinzen verrät. Große Worte, oder?! Aber ob das
jetzt unter der Überschrift „Lebenslänglich“ oder „Nur für eine Nacht steht“, scheint mir nicht so wichtig. Wichtig scheint mir der Blick hinter der Tür oder übers Sofa, hin zu den
bestickten Bildern: „Die Liebe sei ohne falsch“ und „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.“
Ich stelle mir vor, wir Menschen stehen in einem Geflecht aus Beziehungen. Eine Linie führt zum Nächsten, eine Linie zu Gott und eine verbindet uns mit uns selbst. Diese
Linien sind wie feine Spinnenfäden, die jeweils voneinander abhängen. Das Netz ist empfindlich und eine missliche Regung bei dem einen Faden stört die anderen. Aber die dünne Fäden liegen nicht nur
in unserer Verantwortung, sondern sie werden gehalten von einem Faden nach oben, von der Beziehung zu Gott. In unserer Verantwortung füreinander und für uns selbst sind wir getragen von Gott.
Nur für eine Nacht und lebenslänglich.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
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