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Predigt Juli 2004

Queergottesdienst am 18. Juli 2004

Predigt zu Römer 6, 3-9

Liebe Queergemeinde!

Die Taufe als ein Gleichwerden mit Christus,
als ein Sterben und Auferstehen mit ihm,
als Kreuzigung des alten Adam und der alten Eva,
als eine Vernichtung des Leibes der Sünde
und als ein Wandeln in einem neuen Leben.

Sehr abstrakte theologische Spekulationen sind das, finde ich, schwer zu denken.
Habe ich doch noch meinen Leib, obwohl ich getauft bin.
Und ich bin froh drum.
Auch dass dieser Leib voll Leben ist
und voller Sehnsucht nach Leben.
Auch nach einem Leben,
das in der Kirche lange Zeit einhellig als ein sündiges Leben verurteilt wurde.

Sterben und Auferstehen in der Taufe.
Das hätte ich gerne etwas anschaulicher,
so, dass Christus mir wirklich nahe kommt,
zum Vorbild und Bruder wird,
dass er in mein Leben hineinkommt.

Ich möcht mit Euch deshalb heute den Predigttext erstmal zur Seite legen.
Und mich mit euch auf einem anderen Weg dem Thema der Taufe nähern.
Mit einem Bild.
Ihr habt es beim Hereinkommen schon auf euren Stühlen gefunden.
Es ist ein Bild, das auch im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt ist (S. 1382),
im Textteil, als Motto über das Kapitel zur Taufe.

Das ist kein Bild von einer Taufe, wie wir es gewöhnlich erwarten:
wo ein Baby von seinen Eltern und Paten über den Taufstein gehalten wird,
und wo ein Pfarrer oder eine Pfarrerin im Talar
das Wasser aus dem Taufstein über die Stirn schöpft.
Solche Bilder habt ihr vielleicht von eurer eigenen Taufe zu Hause im Photoalbum.

Nein, bei dieser Taufe geht es anders zu:

Ein wilder struppiger Kerl steht am Ufer eines Flusses.
Er hält seine grobschlächtige Prankenhand über einen jungen Mann,
der bis zum Bauchnabel in den Wasserfluten steht.
Und ein Vogel im senkrechten Sturzflug ist auch noch zu entdecken.

Dieses Bild - es ist eine Lithographie von Otto Dix aus dem Jahr 1960 - stellt die Taufe Jesu im Jordan dar.

Viel wissen wir nicht über diese Taufe, ganz am Anfang von Jesu öffentlichem Aufterten.
Der Evangelist Markus benötigt ganze drei Sätze, um das Geschehen zu eschreiben.

Es heißt da:
"Und es begab sich zu der Zeit,
dass Jesus aus Nazareth in Galiläa kam
und ließ sich taufen von Johannes im Jordan.
Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg,
sah er, dass sich der Himmel auftat
und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn.
Und es geschah eine Stimme vom Himmel:
Du bist mein lieber Sohn,
an dir habe ich Wohlgefallen."

Das ist alles.

Malen wir ihn uns doch ein wenig aus, diesen knappen Bericht,
so wie es auch schon Otto Dix mit seinem Bild gemacht hat.
Denn auch eine Skizze aus wenigen schnellen Strichen kann viel erzählen!

Da ist zunächst der Ort, der Fluss, der Jordan.
Kein kleines Rinnsal, das leicht zu durchschreiten wäre.
Nein, hier ist es ein weiter Strom, fast ein endloses Meer, das bis zum Horizont reicht.
Wellengekräusel über tiefem Abgrund so weit das Auge reicht.
Flüsse symbolisieren schon immer Grenzen,
gefährliche Schwellen auf dem Lebensweg,
unsichere Übergänge von dem einen hinüber zum anderen Ufer.
Angstbesetzt mit vielen Fragen:
Wie tief ist das Wasser? Wie stark die Strömung?
Werde ich heil das andere Ufer erreichen?
Und was wird mich dort erwarten?

Da drüben, am festen Ufer steht schon einer, selbstsicher und erdverbunden.
Eine wilde, düstere Gestalt.
Johannes, genannt 'der Täufer', ein Gottesmann.
Ein Aussteiger zu seiner Zeit.
Und das sieht man ihm auch an:
Barfuß wie ein Hippie, mit einem Fellgewand bekleidet,
die Haare und der Bart ungeschnitten und verfilzt.
Und er machte so eklige Sachen wie Heuschrecken essen.
Keiner, den der Durchschnittsbürger gerne bei sich zu Hause auf dem Sofa sitzen hätte.

Aber das hätte Johannes auch bestimmt nicht gewollt.
Er lebte in der Wüste, freiwillig, mit stolz.
Es passte ihm nicht, wie die Menschen um ihn herum so lebten.
Vielleicht hat er deshalb auf dem Bild diesen etwas grimmigen Gesichtsausdruck!
Er haßte die satte Selbstzufriedenheit der Reichen, die ihr Vermögen horteten,
während andere nichts zum Anziehen hatten oder hungern mußten.
Und er haßte die Rücksichtslosigkeit der Zöllner,
die anderen mehr Geld abknöpften, als es erlaubt war.
Und er haßte die Brutalität der Soldaten,
die sadistisch und schadenfroh ihre Stärke auslebten.

Er hat seinen festen Standpunkt schon gefunden:
So will er nicht leben, nicht mitmachen in dem verlogenen, gnadenlosen Treiben.
Das kann nicht nach Gottes Willen sein.
Und er glaubte auch, dass das alles nicht so sein müsste.
Deshalb zog er durch die Gegend,
und rief die Menschen dazu auf, ihr Leben zu ändern.
Und es kamen viele zu ihm, die seine Meinung teilten,
und gerne ihr Leben ändern wollten.

Mit diesen ging er dann zum Jordan und tauchte sie unter Wasser.
Ersaufen, sterben soll alles, was Böses und Falsches und Gottwidriges an ihnen ist.
Und auftauchen, auferstehen ein Leben in Reinheit und Wahrheit und Gottgefälligkeit.

Und einer, der auch zu ihm kam, um sich taufen zu lassen, war Jesus.

Wir sehen ihn, wie er drinsteht im Fluss.
Nur zur Hälfte ragt er aus dem tiefen Wasser.
Sehr jung schaut er aus, auf dem Bild.
So ohne Bart und lange Locken, wie sonst oft dargestellt ist.
Als wäre er keine 30 Jahre, sondern noch mitten in der Pubertät,
auf der Suche danach, wie sein Leben aussehen soll.
Und irgendwie wirkt er auch ein bisschen unsicher.
Es war ja auch ein großer Schritt für ihn.
Vielleicht die erste wichtige Entscheidung in seinem Leben.
Wegzugehen von daheim, von seinen Eltern und seinen alten Freunden.
Die gesicherte Zukunft als Zimmermann hinzuschmeißen.
Ja, er sehnt sich nach einem anderem, einem neuen Leben.
Nach Gemeinschaft, nach Solidarität, nach Gerechtigkeit, nach Zärtlichkeit.
Deshalb ist er gekommen.
Er will sich taufen lassen von diesem Johannes.

Ob es die richtige Entscheidung ist?
Er schaut nicht so drein, als ob er sich darüber schon im Klaren wäre.
Nackt steht er da, ohne Absicherung, verletzlich.
Aber offen und voller Erwartung für das,
was das neue Leben für ihne bereithalten wird.

Auch wir kennen solche Schwellensituationen, solche Übergänge.
In denen der Grund schwankend und weich wird.
Wo wir merken: etwas muss anders werden.
So geht es nicht weiter.
Wo wir zu ersticken drohen im Dreck der Lüge, des Versteckspiels, der Entfremdung, der Sinnlosigkeit.

Auch wir schauen dann aus nach Menschen, die einen Schritt weiter sind als wir.
Die sich mutig zu sich und ihren Ideen von einem anderen, besseren Leben bekennen.
Ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen und feigen Rücksichtnahmen.
Wie Jesus nach Johannes schaut.
Er ist wohl fasziniert von dem Mann in Fell und Leder. Der zu wissen scheint, wos lang geht.
Ihm traut Jesus zu, ihn auf dem Schritt ans neue Ufer zu begleiten.
Jemand mit sicherem Stand, in dessen Nähe es leichter fällt,
ganz unterzutauchen und dann verwandelt wieder 'heraus zu kommen'.

Johannes, der Coming-out-Helfer Jesu?

Aber Jesus wird nicht lange in seiner Nähe bleiben.
Er wird dem Wasser entsteigen und seinen eigenen, ganz eignen Weg gehen.
Und er weiss sich dabei beschützt und begleitet von einem ganz anderen.

Denn bei dieser Taufe ist irgend etwas anders als sonst.
Zwar schöpft Johannes auch heute Wasser über den Täufling.
Es ergießt sich über Jesus, als wäre die überdimensionierte Hand des Johannes ein Duschkopf.
Aber auf dem Bild ist es auf einmal gar nicht so klar, was da von oben nach unten strömt.
Sind es wirklich nur Wasserstrahlen?
Oder sind es nicht vielmehr Lichtstrahlen,
die von viel weiter oben kommen?
Als wäre ein Scheinwerfen, ein Spot-Light angeknipst worden,
das ihn hineinrückt in ein neues Licht,
einen neuen Blick.

Im Evangelium heißt es:
"Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg,
sah er, dass sich der Himmel auftat
und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn.
Und es geschah eine Stimme vom Himmel:
Du bist mein lieber Sohn,
an dir habe ich Wohlgefallen."

Wie eine Adoption klingt das, was von oben zu hören ist:
Du bist von nun an mein geliebtes Kind.
Du gefällst mir,
du machst mir Freude,
so wie du da vor mir stehst,
ehrlich,
mit deiner Sehnsucht,
nackt,
ohne Verkleidung.

Ich will mich von nun an um dich kümmern.
Ich werde bei dir bleiben dein ganzes Leben,
wenn es schön ist und wenn es schwer ist.
Lass alles hinter dir, was dich bedrückt und dich beschämt.
Geh zuversichtlich weiter auf dem Weg, den du begonnen hast.
Es wird ein Weg des Heils sein.

Und damit dir auf deinem Weg der Mut und die Kraft nicht ausgehen,
schicke ich dir meinen Heiligen Geist,
die weiße Taube.
Dieser Geist macht dein Leben hell,
wie dunkel es auch immer drumherum sein mag.
Er hilft dir,
dass die die Liebe und die Hoffnung in dir wachsen,
und dass du deinen Glauben an mich nicht verlierst.
Das ist mein großes Ja zu dir.
Auf dieses Ja kannst du dich verlassen.

Liebe Queergemeinde!
Genau diese Zusage haben auch wir erhalten bei unserer eigenen Taufe.
Ob als Babys oder später aus eigener Entscheidung.
Die Taufe verbindet uns mit Christus.
Mit ihm sind wir unterwegs zu einem anderen Leben in Liebe, Frieden und Gerechtigkeit.
Unterwegs sind wir, noch nicht angekommen.
Die Macht der bösen, lebensfeindlichen Kräfte, die Macht der Sünde ist noch nicht verschwunden.
Wir werden mit Christus auch immer wieder in Situationen der Verachtung, der Verfolgung, der Kreuzigung geführt.
Aber wir wissen: Er ist auferstanden.
Das Ziel eines anderen Lebens ist nicht gescheitert.

Und die Erinnerung an unsere Taufe kann uns die Kraft dazu geben,
diesen Weg weiterzugehen,
abgespült von uns die Lasten der Vergangenheit,
erfrischt wie von frischem Wasser,
Gottes Ja zu uns in unseren Ohren
und den Heiligen Geist über uns,
nein: in uns,
damit wir aus seiner Kraft unser Leben leben,
am anderen Ufer des Jordans.

Amen

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