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Predigt Juli 2002

Juli 2002

Predigt zu 1. Kor. 6, 9-20

 

[9] Oder wißt ihr nicht, daß die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Laßt euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder,
[10] Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.
[11] Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.
[12] Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen.
[13] Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe.
[14] Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.
[15] Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne!
[16] Oder wißt ihr nicht: wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: »Die zwei werden ein Fleisch sein«.
[17] Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm.
[18] Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.
[19] Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euch selbst gehört?
[20] Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe

Dieser Text ist uns zum Feind geworden. Wurde er doch oft genug als Biblischer Beleg zitiert, wenn es darum ging, Homosexuelle Praktiken als unchristlich darzustellen: Für Weichlinge und Knabenschänder, für Tunten und Tucken, für Männer, die den natürlichen Verkehr mit Frauen verlassen und mit anderen Männer Schande treiben, sei kein Platz in der Kirche, in der Gemeinschaft der Heiligen. Paulus schreibt dies. Viele heutige Theologen und Kirchenleute bestätigen dies und fügen vielleicht noch ein „eigentlich“ hinzu: eigentlich kein Platz, als Menschen seien sie ja willkommen, solange sie nicht auffallen.

Der Text im Korintherbrief ist uns zum Feind gemacht worden. Nicht nur den Schwulen, die nach der Meinung einiger Ausleger mit „Weichlinge“ gemeint sind, auch den Lesben: Als es um die Homo-Ehe ging, hielten Moralapostel die Bibel hoch. Sie meinten erhobenen Zeigefingers (unter anderem) diese Stelle, wenn sie sagten: In der Bibel steht aber, dass Gott das nicht will. Auch in persönlichen Gesprächen über die eigene Liebe zum gleichen Geschlecht – mit Eltern, Freunden, Bekannten, Pfarrern, Leuten aus der Gemeinde – wird dieser Text sicher bei dem ein oder anderen eine Rolle gespielt haben; meistens keine rühmliche Rolle.

Der Text ist uns zum Feind gemacht worden. Deshalb haben wir das Recht, ihm mit Vorbehalten zu begegnen und ein Schild hoch zu heben: Bleib mir fern mit diesem Angriff auf meine Lebensform, auf meine Liebe, auf mich. Wir haben das Recht, wütend zu sein: Auf Paulus, der so etwas schreibt, auf die unsere Zeitgenossen, die anhand solcher Stellen die Bibel als Argument gegen Homosexualität benutzen.

Wir dürfen wütend sein, weil wir darauf vertrauen können, dass Gott uns Menschen liebt, jeden einzelnen, dass Gott keinen ausschließt. Bei Gott ist Platz. Er wird die Liebe zweier Menschen zueinander, die Bindung, die zwei Menschen eingehen wollen, nicht verurteilen. Johannes schreibt: Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Jeder, der an ihn glaubt – damit sind auch Lesben und Schwule gemeint. Mit dieser Zusage im Hinterkopf brauchen wir uns von dem Korintherbrieftext nicht in die Ecke und schon gar nicht in die Defensive drängen zu lassen. Es ist nicht nötig, alle Regeln und Spitzfindigkeiten der Auslegungskunst zu bemühen, um uns gegen Angriffe zu verteidigen. Wir sind alle geliebte Kinder Gottes und können in Ruhe fragen: Ist der Text unser Feind? Und: Warum haben Menschen den Text zu unserem Feind gemacht?

Knapp zwei tausend Jahre in die Zeit zurück: Paulus sitzt in Ephesus an einem Tisch zum Schreiben. Vor vier fünf Jahren hat er die Gemeinde in Korinth gegründet. Nun hat er von einer Gruppe in Korinth gehört, die seine Predigten missverstanden hat. „Alles ist erlaubt“ rufen sie sich als Parole zu und meinen, dass für sie keine Regeln mehr gelten würden: Wenn getaufte Christen allein aus Glauben gerechtfertigt seien, dann müssten sie sich ja an keine Gesetze mehr halten. Wenn ihnen mit der Taufe Vergebung zugesichert sei, müssten sie sich doch nicht mehr um ihre Werke bemühen: Sie huren rum, saufen, fressen, lügen, stehlen, kümmern sich nicht mehr um das, was geschrieben steht.

Paulus ist wütend. – Wütend, dass sie ihm das Wort so im Munde umgedreht haben. Er schreibt einen Brief zurück und erzählt von der Gerechtigkeit Gottes. Nicht von dem barmherzigen, vergebenden Gott, sondern von dem gerechten, strafenden Gott. „Irrt Euch ja nicht!“ schreibt er und die Korinther werden ihn in den Worten förmlich schreien gehört haben: „Irrt Euch nicht. Wisst ihr den nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden?“ Und um das noch zu unterstreichen zählt er alle Laster auf, alle Gesetzesverstöße, alles Ungerechte, was ihm einfällt: Unzucht treiben, Götzen anbeten, Ehebrechen, Stehlen, Habsüchtig sein, trinken, lästern – und eben auch als Mann widernatürlichen Verkehr mit anderen Männern haben. Das sei eine Sünde gegen den eigenen Leib, erklärt er später, es verunreinige den Leib, der ein Tempel des heiligen Geistes sein sollte.

Jetzt, nachdem er den Korinther gehörig Angst um ihr Seelenheil eingejagt hat, erklärt er ihnen noch mal in Ruhe, was er gemeint hat: Aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seit gerechtfertigt worden: Taufe und Evangelium heißt, dass die Sünde keine Macht mehr über Euch hat. Ihr könnt Euch gegen die Sünde entscheiden:

Wenn hier eine teure Uhr auf dem Tisch läge, die Du gerne hättest, und die Uhr flüstert förmlich, nimm mich, es merkt eh keiner. Du musst dem Raunen der Uhr nicht gehorchen. Es hat keine Macht über Dich. Du musst sie nicht stehlen.

Du musst nicht Lästern, es hat keine Macht über dich. Musst nicht Ehebrechen, es hat keine Macht über dich, musst dich keinem Götzen unterwerfen. Für dich ist der Götze nicht unwiderstehlich, er hat keine Macht über dich.

Das ist die Freiheit eines Christenmenschen: Nicht alles tun zu müssen, was machbar wäre; dem Machbarkeitswahn entkommen zu sein: Natürlich ist alles erlaubt, vieles könnte man tun. Aber vieles ist eben auch schädlich; vieles macht uns abhängig. Freiheit heißt, das lassen zu können, was anderen oder einem selbst schadet. Freiheit heißt, das lassen zu können, was einen anhängig machen könnte, was einem die Freiheit wieder nehmen könnte: Im Galatherbrief schreibt Paulus: Zur Freiheit seid ihr befreit, lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auferlegen.

Und das erklärt Paulus auch in diesem Text. Das ist das Thema. Es geht nicht um Homosexualität. Es geht um Freiheit, sich Grenzen zu setzen. Freiheit, das schädliche nicht zu tun.

Und so erscheint der Lasterkatalog in einem anderen Licht:

Der Habsüchtige hat seine Freiheit verloren, weil er immer haben muß. Er hat nicht die Freiheit sich gegen sein Besitzenwollen, das anderen schadet, zu entscheiden, hat nicht die Freiheit abzugeben und zu teilen.

Der Götzendiener hat womöglich seine Freiheit geopfert auf dem Altar eines Gottes, der unbedingten Gehorsam von ihm einklagt, Übermenschliches von ihm verlangt, ihn in psychische Abhängigkeit treibt.

Der Lästerer hat sich womöglich in einem Netz von Lügen und Antipathien verstrickt, das ihn nun seiner Freiheit beraubt. Er kann nicht mehr anders, was er auch sagt oder tut, es muss einem anderen weh tun.

Zur Freiheit sind wir befreit, Lügen, Götzen und Habsüchteleien haben keine Macht mehr über uns, wir können uns dagegen entscheiden.

Die Lustknaben und Weichlinge hat Paulus in seinen Lasterkatalog aufgenommen. Sie gehören seiner Auffassung nach in diese Liste, weil sie ebenso wie Trunkenbolde und Habsüchtige, ihre Freiheit verspielt haben und anderen und sich selbst schaden. Paulus Verständnis von Natur und Reinheit macht klar, wieso er das so sieht: Der Mann, der gegen die Natur handelt und mit einem anderen Mann schläft verunreinigt sich, beschmutzt seine Ehre und beschmutzt auch den, mit dem er schläft: Dadurch, dass er ihn wie eine Frau behandelt, entehrt er ihn, verunreinigt ihn. Deshalb ist dieser Beischlaf schädlich, beraubt der Freiheit, indem er abhängig macht von der fleischlichen Lust.

Wo Paulus so denkt und schreibt, wo er Homosexualität ebenso wie alles Weibliche verachtet, ist er ganz Kind seiner Zeit. Er erzählt, was damals Sitte, Brauch und Konvention war. Und ich denke: Wo er ganz Kind seiner Zeit ist, müssen uns seine Worte nicht binden. Heute gibt es Liebe zwischen Frauen und Frauen und zwischen Männern und Männern, die keiner und keinem von beiden schadet. Die nicht abhängig macht. Deshalb glaube ich: Lesben und Schwule gehören in keinen Lasterkatalog. Die Liebe zum gleichen Geschlecht ist weder Laster noch Sünde. Sie schadet nicht, nicht einem selbst, nicht dem oder der anderen. Sie verschmutzt und verunreinigt nicht. Sie beherrscht nicht, ist nicht Macht der Sünde. Sie ist Zuwendung zweier Menschen zueinander. Sie ist Verantwortung füreinander, für die sich zwei Menschen entschieden haben. In Freiheit.

Und als solche steht sie der Liebe zwischen Mann und Frau in nichts nach – voreinander nicht und auch nicht vor Gott.

Der Text redet von Freiheit, die weder Verantwortungslosigkeit noch Grenzenlosigkeit meint. Damit hat der Text uns viel zu sagen. Aber er ist nicht unser Feind. Wo er uns zum Feind gemacht wird, wird die Bibel wie ein Steinbruch benutzt: Hier ein Kiesel, da einen Splitter rausschlagen und dann so zusammenlegen, wie es einem passt. Die Bibel erzählt von dem barmherzigen Gott, der uns liebt und vergibt. Erzählt auch von dem gerechten Gott, der zürnt, wenn die Menschen das verspielen und zerstören, was Er ihnen geschenkt hat: Mitmenschlichkeit, Freiheit.

Die Bibel hat sich zwei Jahrtausende unter den Menschen als meist gelesenes Buch gehalten. Nicht, weil sie an fünf Stellen Homosexuelle verurteilt. Sondern weil sie an hunderten von Stellen die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt. Weil sie Zeugnis ablegt vom Gott des Lebens und der Liebe.

Amen.

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