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Queergottesdienst am Sonntag, den 19. Juni 2005
Predigtskizze zu Genesis 50, 15-21: Josef versöhnt sich mit seinen Brüdern
- Josef ist anders, das Lieblingskind des Vaters, der Nachzügler. Papi hat ihm extra einen Ärmelrock machen lassen. Er ist etwas Besonderes, oder bildet es
sich zumindest ein, der Weichling. Da steht er mit seinem chicken Ärmelröckchen, provoziert Eifersucht, auch mit seinen arroganten Träumen. Seine Brüder würden sich vor ihm verneigen. Der wird schon
sehen, wer sich zu verneigen hat!
- Und ganz schnell hockt er als Sklave in Ägypten. Im Gefängnis. Aussichtslose Situation.
Wieder schafft er es, durch sein Anderssein Aufsehen zu erregen. Diesmal allerdings mit Erfolg. Leute wie er werden im Exzentrischen Alten Ägypten der
göttlichen Pharaonen gebraucht. Hier - in der Hochkultur – ist Josef mit seinem Anderssein besser aufgehoben als auf dem Land, bei den rauhen Viehtreibern seiner Familie.
- Sogesehen geht es bei Josef und seinen Brüdern nicht nur um einen Familienkonflikt. Dahinter steckt ein Kampf der Kulturen, die sich niemals verstanden
hätten, wenn nicht eine Hungersnot hereingebrochen wäre:
Der Hunger treibt die Viehzüchter aus Kanaan schließlich doch in die ägyptische Hochkultur, die bereits zur Vorratshaltung übergegangen war. Wenn der Hunger
nicht gewesen wäre, hätten sich Viehzüchter und Städter wahrscheinlich nicht getroffen, hätten weiter Vorurteile gegeneinander hegen können, um nur ja nicht miteinander reden zu müssen.
So paradox es auch ist: Die Not macht Begegnung zwischen verschiedenen sozialen Schichten möglich. Not birgt zumindest die Chance, dass Vorurteile abgebaut
werden. In der deutschen Geschichte vor 60 Jahren wurde das deutlich: Die Bomben auf die Städte unterschieden nicht nach dem Sozialen Stand der Hausbesitzer. Ausgebomt waren alle. Hungrig auch. Da wurden
Statussymbole unwichtig, weil es sie nicht mehr gab.
- Not macht Versöhnung möglich! Was für eine tieftraurige Erkenntnis. Solange Menschen saturiert aus ihrem sicheren Haus heraus auf die Achse des Bösen deuten
können, kann keine Versöhnung geschehen. Solange Menschen meinen, der oder die Andere müsse vor der Versöhnung erstmal so werden, wie sie selbst, wird solche Arroganz nur mit Hass beantwortet werden wie
die kläglichen US-amerikanischen Demokratisierungsversuche im Irak zeigen. Die Not, die hier geschaffen wurde, betrifft die dafür Verantwortlichen nicht. Herrscher, die nicht in Demut ein Gespräch
suchen, provozieren nur Widerstand bei den Betroffenen.
- Josef ist anders. Er lässt mit sich reden und: Er vergibt bedingungslos. Mehr noch:
Er weint sogar, als ihn sein Vater zur Versöhnung aufruft. Weint er über seine eigene Hartherzigkeit?
Weint er, weil er den Brüdern nicht schon längst selbst die Versöhnung angeboten hat? Weint er, weil erst der Vater sehnlichst um Versöhnun bitten muss, damit
sich die Geschwister aufeinander zu bewegen?
Die Brüder sind sich ihrer Schuld bewusst. Aber: Hätten sie Versöhnung gesucht, wenn sie nicht existentiell von Josefs Gunst abhängig gewesen wären? Sie
kommen nicht uneigennützig, sondern weil sie Angst haben vor Josefs Macht als Bundeskanzler des Pharao. Wieder ist es also die Not, die die Brüder zur Versöhnung drängt. Und wieder ist dies eine
tieftraurige Erkenntnis.
- Und so frage ich mich:
* Wieviel Krieg muss noch geschehen, bis ein Neben- und Miteinander der Kulturen und Religionen möglich sein wird? – und bei dieser Frage ertappe ich
mich, dass mich die tief verschleierten muslimischen Frauen beim Einkaufen und die weisrussischen Akkordeonspieler in der Innenstadt aggressiv machen. Was wollen die hier?
Die Not bringt sie in unsere Kultur. Und ich will sie hier nicht. Josef war da anders.
Weiter frage ich mich:
* Wieviele Bauernopfer müssen noch gebracht werden, bis gleichgeschlechtliche Lebensweisen nicht mehr als „anarchische Freiheit“ verleumdet werden?
Und gleichzeitig frage ich mich: Wieviel Wut und Hass muss ich oder du selbst noch ausleben, bis wir uns mit denen versöhnen können, die uns verletzt haben?
Ist uns nicht längst schon die Geduld ausgegangen mit bestimmten unverbesserlichen Sturköpfen?
- Josef ist anders. Er vergibt bedingungslos, als sein Vater ihn darum bittet.
Können wir, kann ich, kannst du bedingungslos vergeben, wenn Gott dich darum bittet?
Gott bittet dich auch dann zu vergeben, wenn dein Nächster es nicht tut.
Gott bittet dich darum, auch deinen Feinden zu vergeben, egal wer sie sind, wo sie leben, ob in Rom, in deiner Kirchengemeinde, in deiner Familie oder in dir
selbst.
- Vergebung und Versöhnung lohnt sich. Welche Erleichterung stellt sich ein, wenn es endlich geschafft ist, wenn ein Streit beendigt ist, wenn wieder Friede
ist mit den anderen und in dir selbst.
Also: Sei anders, anders als deine Feinde. Vergib ihnen, bedingungslos.
Amen
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