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Queergottesdienst am 20. Juni 2004
Predigt zu Eph 2, 17-22
Liebe Queergemeinde!
Bald ist Urlaubszeit – und deshalb möchte ich uns zunächst drei gedachte Urlaubsbilder vorstellen, die sich irgendwie ähnlich sind.
1. Bild:
Das erste Bild wurde bei einem Neckermann-Urlaub in die Türkei gemacht. Wir befinden uns an der Ausgrabungsstätte des historischen Ephesus. Massen von kaum
bekleideten, hawaibehosten und badebeschlappten Touristen strömen über die Reste der alten Prachtstraße vom Hafen zum ehemaligen Theater. Man sieht haarige Männerbeine und schwabbelnde Damenbäuche.
An der Kasse sitzt ein junger muslimischer Türke. Er schüttelt innerlich den Kopf über die Unsitten der westlichen Touristen. Im Islam tragen nur Kinder kurze
Hosen und Frauen im Bikini gelten als Prostituierte.
2. Bild:
Das zweite Bild wurde im Juli 2000 in Rom von einer versteckten Kamera im Vatikan aufgenommen. Der greise Papst blickt aus seinem Fenster über die dicken
hohen Mauern des Vatikan hinab auf die ausgelassen tanzende, leicht- bis nicht bekleidete, in der Hitze schwitzende Masse des Europride 2000. Unzählige bekennende Nichtheterosexuelle feiern ihre
Lebensweise. Entsetzt über soviel Unzucht im Heiligen Jahr lässt sich der Papst vom Fenster wegschieben und den Vorhang schließen.
3. Bild:
Mit dem dritten Bild wandern wir in die Vergangenheit. Das Bild wurde etwa im Jahr 90 nach Christus auf einen Papyrus gemalt, der heute natürlich schwer
vergilbt ist. Wir sehen wieder die Prachtstraße des antiken Ephesus. Sie ist – wie es sich für eine griechische Weltmetropole gehört – dicht gefüllt mit Leuten. Der berühmte Tempel der
Göttin Artemis lockt tausende von Pilger in die Stadt, die sich nach dem Besuch im Tempel in den Geschäften unter den Arkaden der Prachtstraße mit Souvenirs eindecken. Es gibt silberne Artemistempelchen
oder kleine Statuetten der Artemis. Da Artemis nicht nur die Göttin der Jagd war, sondern auch die der Fruchtbarkeit, ist ihr Oberkörper bedeckt mit unzähligen kleinen und größeren Hodensäcken.
Möglicherweise wurden in ihrem Tempel auch sexuelle Anbetungsformen gepflegt.
Am linken Rand des Bildes ist gerade noch ein Turm zu erkennen, der am Hafen von Ephesus stand. In diesem Turm sitzt der Apostel Paulus als Gefangener und
blickt auf das pulsierende Treiben der Stadt herab. Als gläubiger Jude, der sich an die vielen jüdischen Reinheitsgebote hält, war ihm der Fruchtbarkeitskult der Heiden vermutlich zutiefst zuwider.
Wir sehen also drei Bilder, die sich zumindest in einem Punkt gleichen:
Auf allen drei Bildern treffen verschiedene Kulturen aufeinander. Auf allen drei Bildern sind Menschen verwundert bis verstimmt über das für sie
unverständliche Verhalten der anderen.
- Der junge Muslime in Ephesus ist verwundert über die Sitten der westlichen Touristen.
- Der Papst fühlt sich provoziert vom Verhalten der angeblichen Sünder.
- Paulus, der Jude, findet die Kultpraktiken der Heiden unnatürlich.
Das haben diese drei Bilder gemeinsam.
Unterschiedlich ist aber, wie die genannten Personen auf die andere Kultur reagieren.
Reaktion Bild 1:
Wie der junge Türke auf die Sitten der westlichen Touris reagiert wissen wir nicht. Vielleicht übt er sich in gelassener Toleranz. Schließlich bringen die
Ungläubigen ja jede Menge Geld mit in die Türkei. Vielleicht ist es ihm egal, weil er die Gesetze des Koran selbst nicht so ernst nimmt. Vielleicht aber wird er durch solche Beobachtungen zum
terroristischen Kampf gegen die Un-Kultur der Ungläubigen motiviert.
Alle drei Reaktionen sind möglich.
Reaktion Bild 2:
Die Reaktion des Papstes auf den Europride 2000 kennen wir. Er hält beim nächsten Mittagsgebet prompt eine Ansprache, in der er das wilde Treiben der
Homosexuellen wiedermal ausdrücklich verurteilt.
Reaktion Bild 3:
Der Vorfahre des Papstes, der Apostel Paulus, setzt sich in seinem Turm in Ephesus auf den Boden und schreibt unter anderem den Brief, aus dem wir soeben
einen Ausschnitt gehört haben. Es wäre zu erwarten, dass sich Paulus heftig von den Sitten der Heiden in Ephesus distanziert. Aber nein: Ich kann in dem Abschnitt der Lesung keinen Ekel, keine Abwehr
gegenüber den Heiden erkennen. Im Gegenteil! Paulus verkündet den Frieden für die Fernen und die Nahen, für Juden und Griechen. Er schreibt, dass beide, wenn sie sich auch noch so unterschiedlich
verhalten, durch den Geist Gottes zum Vater kommen können. Er schreibt, dass alle – nicht nur die angeblich reinen Juden – Hausgenossen Gottes sind, wenn sie auf den Eckstein Jesus
Christus bauen.
Erklärung:
Wie gibt´s das? Warum distanziert sich Paulus nicht von den Heiden, wie der Muslime von den westlichen Touris oder der Papst von den Homosexuellen? Wie
kommt es, dass Paulus hier plötzlich die Tür öffnet für ein Volk, dessen Kultur er eigentlich höchst schwierig findet?
Paulus hat genau hingeschaut und bemerkt, dass genau die, deren Verhalten er so unnatürlich findet, den Heiligen Geist empfangen haben. Er hat begriffen, dass
nicht er darüber entscheidet, wer im Haus Gottes wohnen darf, sondern Gott selbst seinen Geist zu allen Menschen sendet.
Denn Jesus, der Eckstein des Hauses, kontrolliert nicht, ob die lebendigen Steine, die auf ihn bauen wollen, gewissen Normmaßen entsprechen. Alle, die
Christus vertrauen, egal ob groß, klein, verschrumpelt, verbohrt, abgenutzt, diskriminiert oder hinausgeworfen, dürfen bei Christus wohnen und zusammen mit ihm das Haus Gottes bilden.
Frohe Botschaft:
Das halte ich wirklich für eine frohe Botschaft! Nicht mehr irgendwelche Menschen, die die Macht haben, bestimmen, wer dazugehört und wer nicht. Nein, Gott
hält die Arme offen für dich, für mich, für alle.
In der Welt ist das leider oft nicht so. Im Beruf, unter Freundinnen und Freunden, beim Sport, fast überall gibt es Kriterien, die darüber entscheiden, ob du
dazugehören kannst oder nicht. Bei Gott aber wird niemand ausgegrenzt, der bewußt zu ihm kommt. Du kannst im Haus Gottes wohnen so wie du bist.
Fragen wir uns:
- Wo kann ich sein, wie ich bin? Wo bin ich wirklich zuhause?
- Wo ist für mich die Wohnung Gottes, in der ich geborgen bin?
- Gibt es einen Ort, an dem du Gott spüren kannst?
- Gibt es einen Menschen, der dir unbedingte Geborgenheit vermittelt?
- Gibt ist es einen Gottesdienst, in dem du zu Gott kommen kannst?
- ...
Du darfst dich zuhause fühlen, in der Wohnung Gottes.
So steht es schon im 84. Psalm, den wir vorhin gehört haben: „Selig sind, die in deinem Hause wohnen, in alle Ewigkeit loben sie dich!“
Problem:
Sogesehen ist das Bild vom Haus Gottes einfach nur schön: Gott und ich im trauten Heim vereint.
Leider ist es aber nicht so. Das Bild hat noch einen Fehler: Gott und ich, wir sind eben nicht allein im Haus!
Jede und jeder von uns ist ja nur ein lebendiger Stein, von vielen anderen, die sich am Eckstein Jesus Christus festhalten. Und mit diesen vielen anderen
Steinen im Hause Gottes ist es manchmal nicht ganz so einfach.
Da gibt es zum Beispiel einen Stein mit der Aufschrift „Institution Kirche“. Er meint immer, alle anderen Steine müssten seinen Normen entsprechen.
Auf der anderen Wand gibt es einen Stein, der heißt „bibeltreue Christen“. Dieser Stein meint, dass nur Steine, die genauso aussehen wie der Eckstein
Christus am Haus Gottes mitbauen dürfen. Und wie der Eckstein Jesus Christus aussieht, weiß der bibeltreue Christen-Stein selbst am allerbesten.
Beide Steine wollen andere Steine zurechthauen oder aus dem Haus Gottes rausmobben. Mittlerweile kümmere ich mich zwar nicht mehr wirklich um sie, weil der
Eckstein nichts gegen mich hat, aber nervig ist das schon, mit all den anderen.
Andererseits würde auch ich bestimmte Steine im Haus Gottes lieber rausmobben, weil sie meiner Meinung nach darin überhaupt nichts verloren haben zum Beispiel
dieda mit dem unmöglichen Verhalten oder denda mit den völlig blöden Ansichten.
Fällt es da nicht leichter, sich angewidert abzuwenden oder Protestbriefe zu schreiben wie die Menschen aus den ersten beiden Urlaubsbildern?
Stattdessen muss ich mir klar machen, dass auch derda und dieda an Gott glaubt und deshalb etwas mit mir zu tun hat.
Insofern ist das Bild von Haus Gottes einerseits Frohe Botschaft und andererseits eine Mahnung für uns:
Wer Hausgenosse oder Hausgenossin Gottes ist, darf zwar einerseits bedingungslos bei Gott zuhause sein, muss aber andererseits auch die andern im Haus
akzeptieren.
Aber was bedeutet akzeptieren?
Soll ich meinen Nachbarstein so lassen wie er ist, auch wenn das Haus wegen seiner Schieflage fast zusammenbricht?
Soll ich schweigen, wenn ein großer Stein, die kleineren fast erdrückt?
Sicher nicht.
Ich denke schon, dass sich die Steine im Hause Gottes lange aneinander reiben und abschleifen müssen, bis sie endlich nebeneinander passen.
Ich denke, dass es wohl immer wieder Auseinandersetzungen geben wird, zwischen den Hausgenossen Gottes und es lange dauern wird, bis der Frieden eintritt, den
Christus uns schenken will.
Ich erhoffe mir aber zumindest eine faire Auseinandersetzung unter der Hausordnung Gottes, weil wir wissen, dass alle auf den gleichen Eckstein, Jesus
Christus, aufbauen.
Und ich bete darum, dass das Fair Play unter Hausgenossinnen und Hausgenossen Gottes nicht nur ein frommer Wunsch bleibt.
Amen
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