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Queergottesdienst am 15. Juni 2003
Predigt über Johannes 3, 1-8
Die heutige Predigt beschäftigt sich mit der außergewöhnlichen Begegnung zweier Menschen.
Da haben wir auf der einen Seite Nikodemus. Er war Pharisäer, Mitglied des Hohen Rates und Jesus selbst bezeichnet ihn als „anerkannten Lehrer
Israels“.
Damit gehörte Nikodemus zur jüdischen Elite: sein Wort zählte, sein Einfluss war beträchtlich. Er hatte das Maximum dessen erreicht was ein Mensch seines
Standes erreichen konnte.
Wie leicht wäre es da gewesen, sein Amt weiterhin als respektierter Vertreter der Oberschicht auszuüben, von der Bewunderung des Volkes zu leben - kurz:
sich selbst genug zu sein?!
Bemerkenswerterweise ist dies bei Nikodemus nicht der Fall: Er ist keineswegs in Selbstzufriedenheit erstarrt - vielmehr weiß er nur zu gut um seine
bohrenden Zweifel und die eigene Ziellosigkeit. Sie haben ihn – das führende Ratsmitglied – veranlasst mitten in der Nacht den Weg zu dem Prediger aus Galiläa zu nehmen.
Auf der anderen Seite haben wir Jesus. Seit längerem spricht er vor dem Volk und hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. Kurz vor der nächtlichen
Begegnung mit Nikodemus hat er die Händler aus dem Tempel gejagt und damit für einen spektakulären Zwischenfall gesorgt.
Auch das Verhältnis zu den Pharisäern ist gespannt: Zwar gibt es gerade in dieser Gruppe viele die – offen oder verdeckt – mit den Ansichten
des neuen Propheten sympathisieren. Doch Jesus sind sie ein Dorn im Auge: Er verabscheut ihre zur Schau getragene Frömmigkeit und das sture Kleben am Buchstaben des Gesetzes. Immer wieder wirft er ihnen
Doppelzüngigkeit und einen scheinheiligen Umgang mit dem Wort Gottes vor. So ist es kein Wunder, dass „Pharisäer“ bis heute ein Schimpfwort, gleichbedeutend mit Heuchler, geblieben ist.
Soweit der äußere Rahmen.
Doch nun beginnt das eigentliche Gespräch und es gewinnt seinen besonderen Gehalt aus der Art und Weise wie Jesus und Nikodemus aufeinander zu und
miteinander umgehen. Beide lassen die sorgfältig aufgebauten Feindbilder hinter sich und finden zu einer gemeinsamen Sprache.
Dabei bleibt für Nikodemus – den Suchenden – zunächst vieles unklar und konturenlos.
Es geht – Jesus lenkt das Thema dorthin – um Wiedergeburt, von neuem geboren werden. Dies widerspricht dem Gelehrtenverstand des Nikodemus: Neu
geboren werden, schön und gut – eine interessante Utopie. Doch: „wie kann ein erwachsener Mensch noch einmal geboren werden“ – so fragt er mit der typischen Spitzfindigkeit eines
Pharisäers.
Es ist der Versuch des klugen Kopfs, Jesus mit Argumenten ad absurdum zu führen. Tatsächlich steht dahinter aber eine tiefe Resignation: Es gibt doch
vieles in meinem Leben, das mich hindert, neu anzufangen. Es gibt Ängste, Bequemlichkeiten die mich immer wieder hemmen, den „inneren Schweinehund“ - wie soll ich das alles ungeschehen machen?
Jesus erkennt den inneren Zwiespalt des Nikodemus und bringt ihn auf den Punkt: „Was Menschen zur Welt bringen ist und bleibt menschlich.“ Doch was
ist „das Menschliche“, von dem Jesus spricht? Das sind zum einen die Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Wohlstand, Konsum und – nicht zuletzt – das sexuelle Wohlbefinden. Das umfasst aber
auch das Streben nach Anerkennung, Karriere und Macht.
All dies ist – um Missverständnissen vorzubeugen – gut und wichtig. Gott möchte, dass jeder seine Begabungen entwickelt, sein Mensch –
Sein, seine Körperlichkeit lebt.
ABER: Dies alleine – sagt Jesus – ist nicht genug!
Bedürfnisbefriedigung wird schnell zu einer platten Angelegenheit. Die Suche nach Wohlstand endet oft im Materialismus, Wenn – ja wenn - nicht ein ganz
entscheidender Faktor hinzutritt. Es ist die „Wiedergeburt“. „Ihr müsst alle von neuem geboren werden!“ - so spricht er zu Nikodemus und das ist die Hauptaussage dieser besonderen Nacht:
Leben ist mehr, sehr viel mehr als bloßes körperliches Existieren. Es dient einem höheren Zweck und es bedarf einer „geistlichen Initialzündung“ um diesen Zweck sichtbar zu machen, den Kontakt zu
Gott herzustellen.
Wie ist das möglich, fragt Nikodemus?
Und Jesus antwortet: „Der Wind – das ist der Heilige Geist – weht, wo er will!“
Das ist die zweite zentrale Botschaft, die er dem Nikodemus übermitteln will:
„Gott ist nicht berechenbar, aber Du kannst Dich auf ihn verlassen.“ Der Heilige Geist wird auch an Dir nicht vorübergehen, möglicherweise stehst Du
Gott, steht er Dir – biblische Ironie - in dieser Nacht gegenüber...
Verlassen können setzt jedoch Vertrauen erlernen voraus. Dies erfordert, dass Du Zeit, Geduld mitunter auch harte Arbeit in deine Beziehung zu Gott
investierst. Nirgendwo sagt er dies deutlicher, als im Alten Testament beim Propheten Jeremia „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen!“
Zurück zu Nikodemus: Ich glaube, dass seine lebenslange, zermürbende Suche in dieser Nacht zu Ende ging. Ich denke, dass es die Nacht war in der er seinen
Gott und seine tatsächliche Lebensbestimmung fand. In der er vom vorsichtigen Mitläufer zum entschlossenen Befürworter, vom Schriftgelehrten zum Nachfolger Christi wurde - als Neugeborener, der noch mal
von vorne beginnt.
Es war Nikodemus, der Jesus später mutig vor dem Hohen Rat verteidigt hat und doch sein Leben nicht retten konnte. Es war ebenfalls Nikodemus, der zur
Gruppe der Trauernden gehörte, die bei der Grablegung anwesend waren.
Beide Male hatte er es nicht mehr nötig, im Schutz der Dunkelheit aufzutreten.
Alles in allem eine Randgestalt, möchte man meinen - und das mit Recht. Denn die Bibel hat die Figur des Nikodemus äußerst stiefmütterlich behandelt.
So wird er nur bei Johannes und auch dort nur an den drei genannten Stellen erwähnt.
Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. Ich wünsche uns, dass jeder seine individuelle Begegnung mit Gott erlebt.
Amen
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