Juni 2002
Predigt zu Ezechiel 18,2
„Die Väter essen saure Trauben, und den Söhnen werden die Zähne stumpf.“
Erinnert ihr euch noch an den schwarzen Grand Prix Samstag vor drei Wochen? Der Sieg für Corinna May lag so nahe. Schließlich war sie bei den englischen Buchmachern die
Nummer Eins. Zum Schluß lag sie jedoch auf Platz 21 und am nächsten Tag haben wir uns alle gefragt: Woran lag`s? Wer war Schuld an dieser Misere? Ralph Siegel oder wieder einmal die Österreicher, die uns
auch in diesem Jahr nur einen einzigen Punkt schenkten?
Mehr Glück hat da zur Zeit wohl die deutsche Fußballnationalmannschaft. Immerhin konnten sie sich bei ihrem gestrigen Sieg das Viertelfinale sichern. Aber wehe, die
Deutschen fliegen aus dem Rennen. Dann wird sich die Bildzeitung wieder auf die Suche machen, nach einem Schuldigen und vermutlich den Rücktritt von Rudi Völler fordern. Am Bildzeitungs-Glückspfennig,
der bei jedem Spiel irgendwo versteckt wird kann es ja wohl nicht liegen.
Kurzum: Egal was passiert, für alles gibt es einen Schuldigen und den gilt es herauszufinden!
So ist es heute und so war es vor mehr als 4000 Jahren. Aus der hetitischen Geschichtsschreibung ist folgendes überliefert: Ein Königreich wird überfallen und fast
komplett vernichtet. Zu allem Überfluß bricht in diesem Reich dann auch noch die Pest aus. Nun fragt sich der König wie es soweit kommen konnte, doch er fand keine Erklärung, bis er in den Archiven den
Grund herausfindet. Sein Vater hatte eine schwere Schuld begangen, die nun auch auf ihn zu lasten scheint. Denn er selbst wußte sich frei von Schuld.
Ähnlich sucht auch König Joschija im 2. Buch der Könige nach den Gründen für den Untergang Jerusalems und Judas im 6. Jahrhundert vor Christus. Die Schuld findet er bei
seinem Vater Amon und dessen Vater Manasse, die beide große Sünder waren.
So entstand das Sprichwort: „Die Väter essen saure Trauben, und den Söhnen werden die Zähne stumpf.“
Das Sprichwort dient somit direkt dazu, das gegenwärtige Unglück als Strafe für die Schuld der Vorfahren zu erklären und damit indirekt die Schuldlosigkeit der gegenwärtig
lebenden Generation zu beteuern. Der eine brockt die Suppe ein, der andere löffelt sie aus.
So haben wir es auch zu Beginn des Gottesdienstes gesehen. Die Eltern beladen ihren Sohn mit ihren Sünden. Irgendwann wird der Rucksack zu schwer und der Sohn bricht unter
der Last zusammen.
Nun spricht aber der Prophet Ezechiel im Auftrag Gottes: Wie kommt ihr dazu, dieses Sprichwort zu gebrauchen? Von nun an soll es keiner mehr gebrauchen, denn von nun an
gilt die Spielregel Gottes. Diese lautet: Schuld wird am Schuldigen allein geahndet und eben nicht an seinen Nachkommen. Jeder ist vor Gott nur für seine eigenen Fehler verantwortlich und nicht für die
seiner Eltern. Gott nimmt uns quasi diesen Rucksack ab.
Daß heißt z.B. für uns, daß nicht wir – heute – für den Holocaust verantwortlich gemacht werden können. Äußerungen wie die Deutschen haben die Juden ermordet,
finde ich fatal. Es waren die Nazis, die dies getan haben und nicht wir, die wir hier sitzen.
In so einem Fall gilt es Geschichte rückblickend zu ordnen. Ezechiel kommt es darauf an, den Vorrang der Gegenwart zu betonen. Es geht darum, ob eine Vergangenheit
mit ihrer ethischen Qualifikation auch die veränderte Gegenwart weiterhin modifiziert. Der Vergangenheit entrinnt niemand, aber die Gegenwart bietet mir die Chance etwas zu ändern.
Ezechiel plädiert im Namen Gottes für die Möglichkeit einer Auflösung der „vererbten“ Sünden, er bietet die Möglichkeit einer Wende, eine Aufhebung der fortwirkenden
Vergangenheit. Jeder muß von nun an nur seinen eigenen Rucksack tragen.
[Zwischenspiel: (René packt seinen Rucksack)]
Der Sohn hat sich nun seine eigenen Fehler aufgeladen. Einen Klotz hat er wieder mit eingepackt, wo er es den Eltern nachmacht. Jeder von uns wird seinen Rucksack
tragen. Bei dem einen ist er voller, bei dem anderen etwas leerer.
Aber es ist wichtig, zu seinen Fehlern zu stehen, sie zu erkennen und nicht die Schuld bei anderen zu suchen. Jeder haftet nur für seine eigenen Vergehen. Wer sie aber
erkannt hat, der kann sie von sich abwerfen und somit den Weg zum Leben finden.
„Werft alle Vergehen von euch ab, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist!“ (Ez
18,32)
Amen!
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