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Predigt Mai 2004

Queergottesdienst am 16. Mai 2004

Predigt zu 1.Tim 2,1-6a

Kennt ihr diese Situation, wenn euch total eine Frage auf der Seele brennt. Wenn man dringend wissen muss, wie andere etwas handhaben, wie sie mit bestimmten Dingen umgehen. So gings mir die ganze letzte Woche. Mit einer einzigen Frage. Eine einzige Frage hat mich umgetrieben, hat mich aus dem Haus getrieben, die Straße entlang getrieben. Und als ich so vor mich hintrotte mit meiner Frage, die mir im Hirn schwirrt, da kommt die Straßenbahn und bimmelt mich aus meinen Überlegungen. Ich schaue auf und sehe einen von diesen alten Wagen, die quietschen und ächzen und es kaum noch aus dem Depot schaffen. „Wohin die fährt?“ denke ich und suche das Schild - gähnende Leere. Schwarz. Da fällt mein Blick auf die Werbung an ihrer Seite: Come in and find out! Ich sehe das als Aufforderung: Komm rein und stell deine Frage!

Kaum bin ich drin und sitze, stolpert ein Junge mit seiner Schultasche neben mich auf den Sitz. Er trägt ein schmuddeliges Sweatshirt und sein Baseball-Käppi tief ins Gesicht gezogen. Er schleppt eine Schultasche und schnauft erst mal tief durch. Ich sehe ihn von der Seite an und überlege, ob er der Richtige ist für meine Frage... „Du sag mal, betest du?“

„Hä?!“ „Betest du?“

„Was geht denn mit dir? Was stellstn du für Fragen? Beten.... Keine Ahnung... Beten, voll langweilig, ey! Beten. Voll krass. Ob ich bete.... Als Baby, da hab ich gebetet. Klar. Son Babykram am Abend: Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu. Vater, lass die Augen dein, über meinem Bette sein. Amen. Mit meiner Mutter hab ich das gebetet. Und dann hat sie mir nen Gute-Nacht -Kuss gegeben. Bäh. Hab ich ihr aber gesagt, dass ich das nicht mehr mag! Und beten tu ich abends auch nicht mehr! Und das Gschmarri mit dem Vater da in dem Gebet. Das soll doch Gott sein, oder?! Also, wenn Gott ein Vater ist, dann ist er nie da. So wie meiner. Der is weg. Der ist gegangen. Was weiß denn ich. Wenn ich heimkomm von der Schule, dann ist niemand da. Die Mama is auf Arbeit. Dann geh ich erst mal raus auf die Straße. Schaun, wo die andern abhängen. Die sind immer am Basketballplatz in der Wendeschleife. Voll cool, ey. Da werfen wir Körbe und bolzen rum und so! Die andern aus der Clique, die sind immer da. Die beten auch nicht. Naja. So geht das dann halt so den Tag über. Dann geh ich heim und meine Mutter schreit mich an, wo ich war und ich soll meine Hausaufgaben machen. Aber ich hab keinen Bock! Is doch eh alles scheiße. Meistens verkriech ich mich dann in mein Bett. Und dann denk ich über alles nach. Was ich so gemacht hab und so. Und manchmal fallen mir dann voll die coolen Sachen ein, wenn ich nen Korb geworfen hab! Und dann denk ich wieder, wo mein Vater ist und dass er mich gar nicht mehr mag. Und dass er bleiben soll, wo er ist. Heulen tu ich net! Bin doch kein Baby! Und dann denk ich schon auch an Gott. Wo der eigentlich ist... Ach ja, wir beten ja immer am Anfang der Schule. Und dann is manchmal komisch, weil wenn wir da beten vor ner Matheprobe, dann merk ich, dass ich ruhig wird, weil die andern ja auch da durch müssen. Und dann fühl ich mich eigentlich ganz wohl in der Klasse. Unser Lehrer hat neulich gesagt, dass Gott auf uns zugeht und uns anspricht. Wie soll denn des gehen, hab ich gefragt. Mich hat er noch nicht angesprochen. Und dann hat er gemeint, dass Gott mit uns spricht in den Menschen, die uns begegnen. Also Freunde und so. Also, der Sven, der ist mein bester Freund, der hat mir geholfen gegen die aus der Neunten! Das war echt super! Aber das mit der Karina, das erzähl ich ihm net, das ich die gut finde. Da denk ich oft abends vor dem Einschlafen dran. Und dann freu ich mich schon ein bisschen...

Oh scheiße ey, ich muss raus! Tschüß!“

So schnell kann ich gar nicht schauen, ist er durch die Tür und verschwunden. Ich muss erst mal durchschnaufen nach dieser Auskunft! Aber ich habe Mut gefasst und lasse meinen Blick schweifen. Wer könnte noch etwas wissen? Mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt eine Frau, kurze braune Haare, Jeans, Turnschuhe. Sie hat den Kopf gesenkt.

„Ich würd dich gern was fragen: Betest du?“ Sie blickt hoch und wirft ihre Stirn in Falten: „Wie meinst du? Jetzt gerade?“ „Naja, tust dus?“ „Hhmm, Wenn dus beten nennen willst. Ja. Warum nicht?! Beten ... klingt immer so nach stillem Kämmerlein und allein daheim. Manche sagen ja, es ist ein Gespräch mit Gott. Aber eigentlich isses doch ein Monolog. Ich sag was und erzähle. Und Gott? Hört zu. Hört er zu? Wir können’s ja nur hoffen. Wenn beten erzählen ist, dann bete ich viel. Gerade hab ich auch so vor mich hinerzählt. Wie schwierig gerade alles ist mit meiner Freundin. Sie will weg von mir. Und ich hab Tage, da kann ich nur noch denken: Bitte bleib! Ihr trau ich mich das gar nicht zu sagen. Aber für mich allein wiederhole ich es manchmal wie ein Mantra: Bitte Bleib! Bitte bleib! Wer hört das dann? Gott? Ich hab mal irgendwo einen Satz aufgeschnappt, der bei mir hängen geblieben ist: „Beten heißt, mit dem lebendigen Gott zu denken“. Klingt gut, ne?! „Beten heißt, mit dem lebendigen Gott zu denken“. So ist das auch bei mir: Ich denk so vor mich hin und erzähl alles so und dann denke ich mit Gott! Ich denk meine Freude mit Gott und ich denke meinen Dank mit Gott und im Moment denk ich meine Schmerzen mit Gott. Und Gott denkt mit. Ist vielleicht wie so eine Verbindung über Kabel – meine Gedanken und seine Gedanken fließen zueinander und nebeneinander. Und ineinander. Manchmal! Also, ich glaub, dass ist dann, wenn sich meine Gedanken ändern. Da fällt mir noch son Spruch ein: Der Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung ändern können! Und das tun sie dann, die Richtung ändern! Weil das alles lebendig ist, weil es die Richtung ändern kann, das Leben. Und das kommt, weil ich bete. Also, weil ich denke. Und weil dann alles lebendig ist. Weil ich lebendig werde und mein Leben in Bewegung gerät. Und wenn ich so mit Gott denke, dann klärt sich vieles auf. Vieles wird unwichtig und anderes taucht auf, an das ich vorher nicht gedacht habe. Alles wird lebendig. Und ich denke, nein: ich bete, dass meine Freundin und ich einen gemeinsamen Weg finden. Eine neue Richtung... Oh weh, jetzt hab ich dich ganz schön zugetextet. Jetzt reicht’s erst mal, oder?“

Sie lächelt mich an und schaut aus dem Fenster! Wahrscheinlich denkt sie...

Ich merke, wie ich langsam etwas erschöpft werde. So viele Antworten. Und auch neue Fragen! Leben. Mitten im Leben. Wie ist das eigentlich, wenn man älter ist? Ich stehe auf und gehe zu der alten Dame im grauen Mantel, die mich anlächelt. „Sie wollen wissen, ob ich bete, nicht wahr?! Ich habe gehört, wie sie mit der jungen Frau geredet haben. Ja, ich bete. Ich tue es einfach, ohne groß darüber nachzudenken. Vielleicht, weil ich es schon immer getan habe. Als Kind und dann auch als ich größer wurde. Es kommt kein Tag, den ich nicht mit einem Gebet beginne. Das Morgengebet steht am Anfang, vor allem, was ich an dem Tag machen werde. Sonst kann ich keinen Tag beginnen. Ja, ich habe in meinem Leben um sehr vieles gebeten. Um alles, was ich gerne gehabt hätte, um alles, was mir gefehlt hat. Einiges habe ich bekommen, anderes nicht. Aber je älter ich wurde, umso klarer wurde mir, dass es beim Beten gar nicht in erster Linie um das Bitten und Wünschen geht. Oft habe ich mir Dinge so dringend gewünscht und herbeigebetet und musste später einsehen, dass es gar keine sinnvollen Wünsche waren und dass es gut war, dass sie nicht in Erfüllung gingen. Mir hilft das Beten, um zu verstehen, was ich eigentlich wünsche. Ach ja, Beten ist nicht einfach. Es gibt ja keine festen Regeln, wie und wann man beten soll. Man kann es nicht lernen. Aber üben! Das heißt, man lernt es nur, indem man es tut, indem man betet. So einfach ist das. Oder so schwer. Es verlangt Ausdauer und Konzentration und Offenheit. Man muss warten können. Oft muss man ein sehr langes Warten aushalten können. Ja...Aber auch wenn ich manchmal keine Antwort bekommen habe, oder es zumindest glaubte, so steht für mich doch das Beten am Anfang meines Tages und am Anfang von allem, was ich tun möchte. Und ich danke Gott jeden Morgen. Ja, das klingt vielleicht komisch: Noch bevor der Tag losgeht schon zu danken. Aber irgendwie weiß ich, dass nichts schief gehen kann. Und da sag ich schon mal Danke für das, was kommen wird. Vor allem anderen.“

Ich bedanke mich bei der alten Dame und steige aus. Die Fahrt in der Straßenbahn der Fragen ist vorbei. Ich weiß jetzt, dass so einige Menschen beten. Und wie. Und wie verschieden! Lang und langweilig, andauernd oder zu einer bestimmten Zeit, gemeinsam und allein, mit Wünschen und mit Dankbarkeit. Mit Blick nach vorne oder zurück. Und es scheint eine lebenslange Übung zu sein. Mit Höhen und Tiefen.

Und eins habe ich kapiert: Gott denkt mit!

Amen

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