Predigt Mai  2002
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Mai 2002

Anspiel

 

Die fleischliche Begier’                             Das höh’re Streben

Ihr Leute! Ich verkörp’re hier
Die niedre, fleischliche Begier.
Drum trage ich die Knöpfe offen.
Von Selbstzucht – bei mir keine Spur.
Verhurt, verfressen und versoffen
- so bin ich halt: die Sünde pur.
Da drüben steht mein Widerpart.
Wir können uns so gar nicht leiden.
Er hält sich für ne bessre Art.
Wir schau’n auch drauf, daß wir uns meiden...

                                                            Ganz recht! Ich bin das höh’re Streben.
                                                            Das sieht man mir schon an der Nase an.
Nach oben richtet sich des Menschen Streben  eben.
                                                            Verstehe nicht, wie man so ordinär sein kann.
                                                            Vernunft und Geist sind doch die Himmelsgaben,
                                                            die Menschen übers Vieh erheben.
                                                            Allein, er scheint davon nicht viel zu haben,
                                                            Sonst würde er nicht gern so viehisch leben.
 

Was nennst du viehisch? Dass mit allen Sinnen,
die uns gegeben, ich im Leben wühle?
Dem Körper kann man nicht entrinnen!
Ich freue mich, wenn ich ihn lustvoll fühle!

                                                            Jaja, der Körper. Ist schon gut und recht.
                                                            Doch jeder Trieb braucht wirksame Kontrolle.
Ganz oben ist der Kopf, ganz unten das Geschlecht.
                                                            Das weist ein jedes doch an seine Rolle.
                                                            Befehlen soll der Kopf als General.
                                                            Der Körper, der ist nur die Infantrie.
                                                            Denn ließe man den Trieben freie Wahl,
                                       das Leben endete in schlimmster Anarchie.

Ich kenn kein’ Unterschied von Kopf bis Fuß.
Es gibt da überall so nette Nervenenden.
Und macht man’s richtig, schwebt man im Genuß
Als trüge einen Amor selbst auf seinen Händen.
Das Leben ist so kurz (besonders unter 30)
Drum halt dich ran und schwelge fleißig!
Nimm alles mit, wonach dein Wille strebt,
was sich am Wegesrand dir präsentiert,
ansonsten heißt’s am Ende resigniert:
jetzt ist’s zu spät und ich hab nie gelebt.

                                                    Das Leben ist zu kurz, mein Sohn,
    um es mit fleischlich Dingen zu vergeuden
                                                                Erkenntnis! Sitte! Religion!
    Wie unvergänglich sind doch diese Freuden!
    Was du genießt, stirbt mit der Zeit.
    Ich halt mich an die Ewigkeit.

Die Ewigkeit! So schaust du aus!
Als wärst du tot, so läufst du durch die Gegend.
Leg dich doch heute schon mit einem dicken Buch ins Leichenhaus.
Ich finde das in keiner Hinsicht irgendwie erregend.
Ich stürz mich lieber auf die nahen, prallen Sachen,
die meinen Magen satt und meine Lust zufrieden machen.
Was einzig zählt, das ist der Augenblick,
wenn der gelingt und Spaß macht, das ist Glück.

Ich sehe schon, es wird mir nicht gelingen,
dich aus der eingeschränkten Sicht herauszuführen.
                                                            Du bist nun mal gefangen in den Schlingen
Der Flüchtigkeit, der Welt und ihren falschen Schwüren.
Doch prophezeih ich dir: die Gier wird dich verzehren,
du wirst nur immer, immer weiter haben wollen.
Ich wünsche dir noch eine Chance umzukehren.
Daß du begreifst, daß Menschen geistig leben sollen.

Das ist kein Leben, was du propagierst.
Verkrampftheit kann ich darin nur erkennen.
Was nützt es dir, wenn du die Lust negierst.
Sie bleibt. Da kannst du noch so arg versuchen, fortzurennen.
Da wähl ich lieber gleich das ‚Leben vor dem Tod’
Und mach mir keine Sorgen um die Pflichten.
Weg mit der Selbstzucht! Weg mit dem Verbot!
Ich denke nicht daran, mich wie ein Sklave zuzurichten.

                                                            Jetzt reichts! Du bist der Sklave doch,
                                                            Der seinen Trieben hemmungslos verfallen.
                                                            Bleib da nur weiter unter deinem Joch.
                                                            Ich geh! ’nen schönen Tag noch allen!

Habs doch geahnt, er gibt klein bei.
Man muß nur stur genug auf seiner Art bestehn.
Gut, dass ich soviel Sitzfleisch hab. Ja mei,
dann will auch ich mal nach dem nächsten Späßchen sehn.
Fleisch oder Geist! Das sind schon blöde Fragen!
Auch ich hab Geist, den kann ich gar bequem in meiner Tasche tragen...
(nimmt einen  Schluck aus der Schnapsflasche)

                                                                                       

Mai 2002

Predigt zu Römer 8, 1-11

 

1.) Fleisch gegen Geist.

Diesen Gegensatz, ja Konflikt haben wir vorhin versucht, Euch etwas theatralisch vor Augen zu stellen.
Fleisch gegen Geist. Trieb gegen Verstand. Leib gegen Seele. Erde gegen Himmel.
Diese  Aufspaltung des Menschen durchzieht die ganze abendländische Kulturgeschichte.
Und um bei der Verseschmiederei zu bleiben - man denke nur an Goethes Faust als Prototypen des abendländischen Menschen:

Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält in derber Liebeslust
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Fleisch gegen Geist.

Und jetzt noch dieser Predigttext:

„Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede.“

Das sind so die Verse, wo man verstehen kann, daß manche Lesbe und mancher Schwule schnurstracks zum Kirchenaustritt schreiten. Die ganze düstere Geschichte christlicher Leibfeindschaft und Sexualunterdrückung scheint sich da drin auszusprechen. Ich laß mir doch meine Sexualität, meine Sinnlichkeit, alles, was ich mir im Coming-Out hart erkämpft habe, nicht madig machen! Sagen sie. Zurecht.

Verfolgt man die Spuren dieser Zweiteilung zurück, so landet man allerdings – und das überrascht – nicht so sehr in der Bibel bei Paulus, sondern - bei Plato. Er war es, der mit seinem Bild vom sterblichen Körper als dem Gefängnis der ewigen Seele die Grundlage für diesen Gegensatz gelegt hat. Die Abwertung des Leibes hat ihre Wurzeln im griechischen Denken. Und mit dieser Brille auf der Nase lesen wir bis heute auch die Texte der Bibel. Und geraten leicht in Gefahr, zu überlesen, was Paulus meint, wenn er von ‚fleischlich’ und ‚geistlich’ redet.

Das hebräisches Denken kannte keine Aufeilung des Menschen in Körper, Seele und Geist. Der Mensch ist immer ein Ganzes. Von Gott geschaffener Leib, in den er mit seinem Odem Leben hineingehaucht hat. Unteilbar. Nicht: böser Leib – gute Seele. In dieser Tradition steht auch Paulus. Warum redet er dann so unterscheidend von fleischlich und geistlich?

Ich denke, es geht darum, wie dieser eine, ganze Mensch ausgerichtet ist. Es geht um die Richtung, die Orientierung, aus der er sein Leben zu gestalten versucht. Es sind sozusagen zwei unterschiedliche Arten, in diesem einen Leib zu existieren.

Und über die fällt Paulus sein striktes Urteil.

2.) ‚Denn fleischlich gesinnt sein ist der Tod.’ schreibt Paulus.

Das klingt nach Drohung. Nach ewiger Verdammnis als Strafe für ein sündiges Leben.
Ich lese das eher als eine nüchterne Zustandsbeschreibung. Das Fleisch, das sind die ‚irdischen’ Mächte, die von unserem Leben Besitz ergreifen wollen, Fülle des Lebens vorgaukeln, uns dabei aber gerade um ein erfülltes Leben betrügen.

Die beiden Personen im Anspiel vorhin – letztlich waren sie beide fleischlich gesinnt.

Der eine, süchtig nach erlebtem Leben, ließ sich voll und ganz gefangen nehmen von der Angst, etwas im Leben zu verpassen.

Der andere, ganz verkrampft in der Abwehr aller Sinnenfreuden, war nicht weniger gefangen vom Irdischen, nur spiegelverkehrt, in seiner Abwehr.

Beides verzerrte, unerlöste Existenzen.

Mir drängen sich da als Beispiele ganz klassische schwul-lesbische Erfahrungen auf:

Die Verdrängung der Stimme des Leibes vor dem Coming-Out. Der lange Kampf in der Abwehr dessen, was sich da im Körper regt. Nicht selten verknüpft mit einer Ablehnung des eigenen Körpers, bis hin zum Suizid. Die Abtötung des leiblichen Lebens.

Und dann, nach dem endlich geschafften Coming-Out, nicht selten das Umschlagen in Lebenssucht: das Verpasste nachholen auf Teufel komm raus. Körperkult -  Sexsucht - Angst vor dem Alter, wenn das Szeneleben vorbei ist. Krampfhaftes Gieren nach Leben. Auch das kann der Tod sein, in der Sprache des Paulus.

Das Leben beherrschen wollen, statt zu leben; Selbstsicherung zu betreiben, sich aufs Diesseitige, auch das Leibliche zu fixieren. Da liegt für Paulus das Problem.

‚Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen’, schreibt er.

Die Sünde ist nicht, einen Leib zu haben. Sünde ist, über dem Leiblichen Gott zu vergessen. Das Irdische seinen Eigengesetzlichkeiten zu überlassen, und es nicht in den Dienst von Gottes Gerechtigkeit zu stellen.

Denn Gott will nicht unseren Tod, sondern unser Leben in Fülle und Gerechtigkeit.

3.) Und so schreibt er eben auch: „aber geistlich gesinnt sein ist Leben und Frieden“.

Und: „der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen“

Der Heilige Geist ist der Lebensatem Gottes, Lebenskraft und –saft. Ohne diesen Atem leben wir, als wären wir tot, ein lebender Leichnam.

Dass Gott unser Leben will, das hat er in Jesus Christus sichtbar werden lassen.

„Gott sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch“, d.h. er überwand sie, machte sie machtlos. Und später: „Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot, was die Sünde betrifft, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.“

Jesus hat vorgelebt, wie man im Fleisch sein kann, ohne fleischlich gesinnt zu sein. Er war kein fleischtötender Asket, war als Säufer und Fresser verschriebe, feierte Feste, aß und trank. Er ließ sich von den Menschen berühren, ganz leiblich, und er berührte zärtlich die verachteten Leiber der Kranken, um sie in ein Leben in Fülle und Gerechtigkeit zurückzuführen.

Erst recht wird das für Paulus deutlich an der Auferstehung:

„Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.“

Die Erlösung unseres Leibes ist uns versprochen. Nicht die Erlösung von unseren Leibern.

Von der fleischlichen Gesinnung weg, hin zur geistlichen Gesinnung. Durch das Geschenk des Heiligen Geistes ist die Gottvergessenheit, die Beziehungslosigkeit, die Feindschaft zu Gott vorbei. Wir kommen vom Tod zum Leben. Leibliche Auferstehung hier und jetzt.

4.) Aber heute feiern wir Pfingsten, nicht Ostern.

Und da geht es nicht nur um unser einzelnes geistliches Leben. Da geht es besonders um das gemeinschaftliche Leben im Geist.

Pfingsten ist der Geburtstag der christlichen Gemeinde. Und ‚Geburts-Tag’ kann man da fast wörtlich nehmen. Es kommt etwas zur Welt. Und gerade dieses Etwas, die Gemeinde, beschreibt Paulus gerne mit dem Bild eines Leibes. Körperlich, greifbar, diesseitig. Von Leibfeindschaft hier keine Spur!

Quicklebendig ist dieser Leib, lebendig durch den Heiligen Geist. Auch für die Gemeinde gilt: „Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.“

Vielfältig, bunt und voller Beziehungen ist dieser Leib durch die vielen verschiedenartigen Glieder, die ihn bilden, und die durch ihre unterschiedlichen Geistesgaben zu seinem Leben beitragen.

Und es ist ein begeisterter Leib, angefüllt mit Freude. Denn der Gemeinde ist versprochen: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“

Dieser Zuspruch löst die Verkrampfungen in der Sorge um das richtige Leben. Wir brauchen keine Angst haben vor der Fülle des Lebens mit seinen Verlockungen und Bedrohungen. Und wir stehen nicht unter dem Zwang, das Gelingen des Lebens selbst herstellen zu müssen.

Und es ist ein sichtbarer Leib, ein Körper der sich in die Öffentlich traut. Pfingsten war das Coming-Out der Jüngerinnen und Jünger als ChristInnen. Das Bekenntnis ihres Glaubens vor der Welt. Es war der erste mutige Schritt hinaus aus dem Schrank, in dem sie sich ängstlich nach Jesu Tod versteckt hatten, hinaus auf den sehr irdischen Weg durch ihr Leben und durch die Geschichte der Kirche.

Angeschubst durch den Heiligen Geist. Und begleitet durch den Heiligen Geist.

Denn der Geist ist nichts anderes als die lebendigmachende Gegenwart Gottes mitten in unserem leiblichen Leben.

Und dieser Geist kann – er darf berauschen. Auch ohne Spirituosen. Auch in Brot und Traubensaft.

Amen.                                                                       

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