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Queergottesdienst am 18. April 2004
Q u a s i m o d o g e n i t i
Predigt von Bernd Held
ich sehe es kommen ich sehe kommen keimen knospen blühen ich sehe leben keimen knospen blühen ich sehe das kommende leben kommen
ich sehe leben das übersteigt unser hoffen und denken unser träumen unsere phantasie ich sehe das kommende leben kommen (Wilhelm Willms)
Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi
von den Toten eine lebendige Hoffnung haben und das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe empfangen, das im Himmel für euch auf bewahrt ist. Gottes Macht behütet euch durch den Glauben, damit
ihr das Heil erlangt, das am Ende der Zeit offenbart werden soll. Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst. Deshalb soll sich euer
Glauben bewähren, und es wird sich zeigen, dass er viel wertvoller ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist. So wird eurem Glauben Lob, Herrlichkeit und Ehre zuteil bei der
Offenbarung Jesu Christi. Ihn habt ihr nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; ab er ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter
Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: eurer Heil.
1. Petrus 1: 3- 9 (EinheitsÜ)
Ich freue mich heute mit euch Ostern feiern zu dürfen. Die Osterzeit geht bis Pfingsten und die orthodoxen Christen haben heute im Kalender ihren Ostertag,
von daher sind wir keineswegs im Verzug und ganz up to date.
Ich möchte die Predigt mit einer Frage an euch beginnen:
Gibt es in euch oder besser, gibt es in dir ein Traumbild vom gelingenden und erfüllten Leben? Eine Ahnung und die Vorstellung davon, wo deine innere und
äußere Welt deckungsgleich sind und gut? Wo das Leben sein Ziel erreicht hat?
Für dem Mann in der Werbung war es der Moment „wo Land und Leute und der Kaffee stimmen“.
Nein das ist kein Scherz! auch wenn in der Kirche die Frage nach Verwirklichung des eigenen Lebens lange verpönt war.
Wann ist deine Welt heil, ganz und gut?
Ich halte es für durchaus wichtig, eine Ahnung vom eigenen Bestimmungsort im Leben zu haben.
Mit den Gefühlen und Bedürfnissen vertraut zu sein, die uns im Leben tragen und motivieren, das ist keineswegs uncool, sondern sehr vernünftig.
Und auch wenn in deinem Bild zuerst die vordergründigen Symbole von Erfolg und Reichtum und Beliebtheit standen, dann ist das vielleicht nicht so wichtig, wie
die Hoffnungen und die tiefen Wünsche, die dahinter stehen. Für diese Bedürfnisse darf es keine Zensur oder Bewertung geben.
Der Bibeltext spricht sehr überschwänglich, beinahe überredend von der lebendigen Hoffnung und das Ziel des Glaubens, das Heil der Menschen!
Das große Erbarmen Gottes und der Glauben an die Auferstehung Jesu stehen als Ausgangspunkt für das Lob Gottes und die unbeschreibliche Freude der Empfänger.
Aber so beschwörend unser Text auch klingen mag, der Auferstehungsglaube entreißt die Empfänger nicht dem Boden der Tatsachen.
Die Verse führen uns in ein Spannungsfeld vom enthusiastischen Glauben einerseits und den Schwierigkeiten und Prüfungen der Christen auf der anderen Seite, in
welchen ihr Glauben sich bewähren soll, kostbarer und solider als das Gold.
Dabei ist der Glaube durchaus bedroht, denn sie glauben, wie auch wir, an einen Jesus, den sie nicht gesehen haben und mitten in allem Zweifeln und Fragen und
den Leiderfahrungen bleibt Jesus frei und unverfügbar, so, als würde er sich immer wieder entziehen und sei, menschlich gesprochen: eben nicht brauchbar!
Die tiefe Sehnsucht nach dem Heil und der Welt, die gut, und nach dem Leben, das frei und beglückend ist, als dem Ziel des Glaubens, wird auf dem Hintergrund
des alltäglichen Lebens und besonders in Krisenzeiten deutlich.
Wir haben im Vorbereitungsteam zusammen gesessen und haben versucht, unsere Vorstellungen vom Heil als dem Ziel des Glaubens und unseres Lebens zu
formulieren.
Wir haben dabei schnell festgestellt, dass wir das mit unseren Worten nur sehr bedingt können, und dass es auch uns am leichtesten fällt von unseren
Hoffnungen in der Verneinung und der Abgrenzung zu unseren eigenen Unheilserfahrungen zu sprechen.
Wir haben es in Anlehnung an Paul Celan versucht: „das wir nicht mehr länger versuchen, ohne uns selbst, wir zu sein.“
Die Menschen der Bibel formulieren ihre Unheilserfahrungen in der Urgeschichte auf den ersten Seiten der Bibel.
Sie beschreiben das Dilemma in einer vierfachen Entfremdung, und es ist überraschend, wie gut diese Parabeln auch das Lebensgefühl des modernen Menschen
widerspiegeln.
- Die Entfremdung eines unmittelbaren und freien, unverkrampften Gottesbezuges
- Die Entfremdung zu sich selbst, nicht mehr innerlich aufrecht stehen zu können, sondern in sich verbogen und gespalten, Fassaden haft zu sein
- Die Entfremdung zum Mitmenschen in Streit und Feindschaft
- Die Entfremdung zur Natur, die als bedrohlich erlebt wird und die mit Mühen und Plage zum Erhalt der Lebensgrundlage bewirtschaftet werden muss.
Wie vielen Menschen und wie oft ist uns selbst der Glaube an Gott abhanden gekommen.
Und dort, wo wir uns aufmachen unsere eigenen spirituellen Wurzeln und einen befreienden Glauben zu finden, da müssen wir uns durch einen dicken Wust von
Dogmen, Meinungen und religiösem Kult durchbrechen.
Viele Schwule und Lesben erleben sich in ihrem Gottesbezug gespalten, und sie finden ihren Weg zu Gott nicht zurück, etwa durch solche Aussagen wie: „dass
Gott ihre schwullesbische Identität als Sünde ablehne“.
Unsere großen Anpassungsleistungen an die breite Masse, um nur ja nicht unangenehm aufzufallen, die vielen Versteckspiele vor uns selbst, weil wir auch uns
nicht wagen in die Augen zu sehen, die seelischen Nöte, mit welchen wir dafür bezahlen in ein System hineinzupassen oder ein Traumbild von uns selbst aufrechtzuerhalten, das lässt uns nur allzu gut
die Entfremdung in uns und zu uns selbst spüren.
Durch viele unserer Familien ging ein Riss, als wir uns zu unserem schwul/lesbisch sein bekannt haben.
Manche von uns erleben Mobbing, böse Nachrede.
Die Entfremdung zum Nächsten wird uns aber auch dort bewusst, wo wir merken, dass eine gute Beziehung nicht einfach vom Himmel fällt, sondern immer wieder ein
Aufeinanderzugehen und die Suche um einen guten Weg und oft auch einen Kompromiss bedeuten.
Vielleicht erlebst du gerade eine schmerzhafte Trennung. Die Wunden, die aufgerissen wurden, sind noch heftig zu spüren: Immer wieder das Stoßen an die
Grenzen.
Die Entfremdung zur Natur sieht heute vielleicht etwas anders aus, denn nun ist sie in unserem Umgang mit ihr die Bedrohte.
Doch unsere Lebensexistenz, die früher noch unmittelbarer von der Natur abhängig war, besitzen wir nicht in uns selbst.
Joblosigkeit oder der drohende Verlust von Arbeit ist auch eine Unheilserfahrung, genauso wie BSE oder dramatische Unwetter.
Und nicht zuletzt ist es vielleicht ein Virus in den Venen, welches es bitter schmecken lässt, wie wenig wir Menschen unser Leben tatsächlich in der Hand
haben.
Was aber ist die Situation der ersten Petrusleser, etwa 70 Jahre nach Christus?
Worin liegt ihre tiefe Sehnsucht nach dem Heil begründet, und warum bekommt die Auferstehung Jesu dabei so eine zentrale Rolle?
Nordwestlich in Kleinasien, der heutigen Türkei, hat es Menschen gegeben, die sich der Jesusbewegung angeschlossen haben.
Sie drücken ihren Glauben an Gott mit ihrem Leben auf einem ganz neuen Weg aus und gründen christliche Gemeinden.
Wir modernen Christen vergessen häufig, dass die Bibel eigentlich eine Randgruppenliteratur ist und die Kirche in ihren Anfängen eher zur Subszene gehört.
Die Lebenssituation der ersten Christen in ihrer Umgebung unterscheidet sich deutlich von uns heute:
- Zur Entstehungszeit des Briefes ist in Rom Nero Kaiser.
- Die erste Leserschaft unseres Textes ist in ihrer Heimat aufgrund ihres Jesusglaubens zu Fremden geworden, die ausgeschlossen und geächtet wurden.
In einer Gesellschaft, die nicht individualistisch geprägt ist und wo keine Sozialsysteme greifen und einen Menschen auffangen, der aus dem Familienverband
oder dem Job rausfliegt, ist dies eine existentielle, soziale und gewiss oft auch psychische Notlage.
Die Christenverfolgungen, die dann zunehmen und schließlich Kopf und Kragen kosten, sollen erst noch kommen.
Wie können die Jesusanhänger unter diesen Lebensverhältnissen ihre Bilder und Träume vom Reich Gottes, vom Frieden unter den Menschen verwirklichen und
lebendig erhalten?
Der Inhalt vom Glauben an Jesus, der die Entfremdung zwischen den Menschen aufhebt und die Menschen wieder zueinander führt, der die Sünder und Zöllner und
die Prostituierten, die Lahmen und Verkrüppelten an seinen Tisch ohne ein Ansehen der Person einlädt, das ist hier ganz real in Frage gestellt.
Für die Menschen der Bibel mündet das Dilemma der vierfachen Entfremdung im Bild vom Tod, dem „Lohn der Sünde“ (Paulus im Römerbrief). Der Tod, wo das
Leben sich ganz entzieht und Gott als der Ursprung und als der Herr des Lebens am weitesten entfernt erscheint.
Dass Gott Jesus von den Toten auferweckt wird zur not- wendigen Auferweckung!
Nur dann, wenn auch die letzte Grenze des Menschen durch Gott überwunden wird, nur dann gibt es eine begründete Hoffnung auf das Heil und das Leben, das
glückt und erfüllt ist, indem es zur Erfahrung werden kann, dass „keinem von uns Gott fern ist“ (Apostelgeschichte).
Für die Petrusleser in der Verfolgung erhält die Auferstehung Jesu noch eine ganz besondere Bedeutung darin, dass Gott auf einen Justizskandal und dem
grausamen Mord an einem unschuldigen Menschen mit der Auferweckung und somit mit einem Neuanfang und der Vergebung antwortet.
Mit der Auferweckung Jesu stellt Gott sich auf die Seite aller Menschen, die zu unrecht verfolgt und hingerichtet werden.
Mag das Leben in den Augen ihrer Widersacher keinen Wert und keine Zukunft besitzen: bei Gott ist es nicht verloren und bedeutungslos.
Mit diesem Glauben und in dieser Hoffnung können die Christen in Kleinasien an ihrem Leben festhalten und aufrecht durch eine schwierige Zeit gehen.
Sie können durch die Auferweckung Jesu vorwegnehmen, dass Gott auch auf ihrer Seite steht und auf ihre Not antworten wird, auch wenn der dunkelste Weg
vielleicht nicht erspart bleibt.
Die Würde und den Respekt, den die Menschen ihnen absprechen und versagen, erleben sie in der Hoffnung auf Gott.
Mit der Auferstehung Jesu haben sie neue Perspektiven und ihr Leben eine Zukunft, auch über den Tod hinaus.
Sie warten nicht auf eine Apokalypse. Die Petrusleser werden auf das Ende der Zeit aufmerksam gemacht. Mit dem Kommen Gottes zu seinen Menschen im Menschen
Jesus hat die Zeit ein Ende gefunden, in welcher es keinen Grund zur Hoffnung gab (V. 20).
Weil Gott die Welt besucht hat, ist sie nicht mehr ohne Hoffnung Und im Glauben an Jesus lebt die Hoffnung auf die Vollendung in der Auferstehung von den
Toten, der Glaube an das Leben jenseits aller Grenzen und Entfremdungen: Das Leben in Gottes großem Schalom für alle Welt.
Darüber kann ich natürlich wenig sagen, denn das steht noch aus, und wie soll ich das Unfassbare einer Auferstehung erklären. Aber die Christen, welche den
Petrusbrief lesen, haben das Auferstehungsereignis als ein Realsymbol erfahren, als etwas, das bereits geschehen ist und immer wieder neu im Prozess unseres Lebens zum Ereignis werden muss.
Dass ein neues Leben beginnt, dass Vergebung und Neubeginn möglich werden, wo Menschen mitten im Leben auferstehen und einen neuen Weg beginnen; wo die Bilder
vom Leben anfangen sich in der Wirklichkeit eine Bahn zu brechen, dass ist eine Auferstehungserfahrung, die wir bereits jetzt nachvollziehen können!
Das eingefahrene und alte Leben verlassen und neue Wege wagen: Den Glauben nicht verlieren, an das eigene Leben, an diese Welt, an Gottes Zukunft!
Den Ruf in ein neues Leben zu hören und mit dem eigenen Sein darauf zu antworten:
Steh auf und lebe dein Leben in Würde und Respekt! In Würde und Respekt für dein eigenes Leben und für das der anderen. Vergiss deine Bilder und Träume für
dieses Leben nicht! Ohne sie können wir Menschen nicht gut leben.
Nur wenn wir uns so in dieses Auferstehungsgeschehen hineinnehmen lassen, wenn es bei und in uns selbst eine Auferstehung für das Leben gibt, dann kann dieses
Ostereignis eine Bedeutung für uns gewinnen. Von dieser Erfahrung her hat unser heutiger Sonntag seinen Namen:
Quasimodogeniti: Als die neugeborenen Kindlein!
Und mit Jesus kann in uns die Hoffnung auf eine Auferstehung von den Toten lebendig werden.
Amen
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