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März 2002 - Jubiläumsgottesdienst
Predigt zu Hebräer 13, 12-14
Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eignes Blut, gelitten draussen vor dem Tor.
So haben wir es eben gehört.
In eine ziemlich fremde Welt führt uns der Verfasser des Hebräerbriefes: da fließt das Blut eines Menschen – mit dem Zweck ein ganzes Volk reinzuwaschen und zu
heiligen.
Uns heute (zum Glück) eine sehr ferne Vorstellung.
In der Antike war es allerdings Alltag, durch Tieropfer den höheren Mächten zu danken oder sie gnädig zu stimmen.
Auch das Judentum zur Zeit Jesu vollzog solche blutigen Opfer. Dazu gehörte auch ein (durchaus) faszinierendes Opferritual zum Grossen Versöhnungstag, einmal im Jahr.
Vor dem versammelten Volk stand der Hohepriester, bei ihm zwei Böcke. In einem symbolischen Akt nahm der Priester alle Sünden, die sich im Lauf des Jahres angesammelt hatten, stemmte seine Hand auf
die Stirn des einen Bockes und lud ihm so die Sünden der Volkes auf. Dieser „Sündenbock“ wurde dann hinausgeschickt vor die Tore der Stadt, in die Wüste. Dieses Ritual ermöglichte
Versöhnung. Einen Schnitt in die Verstrickungen in die Unversöhntheit. Die alljährliche Chance zum Neubeginn. Alle Sünde, alles, was den Frieden der Gemeinschaft störte, konnte so weggeschickt
werden. Raus, vor die Tore der Stadt. Und der zweite Bock wurde, wie bei jedem Sündopfer, geschlachtet, das Blut in den Tempel gebracht, und das Fleisch verbrannt. Auch draußen, vor den Toren der
Stadt.
Dieses draußen: Der Ort alles Bedrohlichen, der Ort der Unzivilisiertheit, der Ort der Unreinheit.
In diesem „Draußen“ liegt für mich die Pointe des Verses: Draußen vor der Stadt. Da liegt auch Golgatha. Draußen vor der Stadt musste Jesus leiden und sterben. Mit seinem Einzug
in Jerusalem eroberte er nicht die Spitzenstellung im bestehenden Religionssystem. Er scheitert. Findet ein schändliches Ende. Er landet letztendlich bei den Ausgestoßenen, bei denen er schon im
Leben war: den Aussätzigen, den Zöllnern, Sündern und Dirnen. Jesu Lebensform passte nicht in die Ordnungen seiner Zeit. Er überschritt Grenzen: Grenzen der Religion, wenn er sich mit den
Samaritanern abgab, soziale Grenzen durch seine Tischgemeinschaft mit Zöllnern und seine Nähe zu Frauen und sogar Prostituierten, Reinheitsgrenzen, wenn er Aussätzige berührte und heilte. Er
brachte das Ordnungsgefüge durcheinander, das immer schon genau weiß was rein und unrein ist, was gut ist und was böse, was drinnen sein darf und was rausgehört.
Zuletzt aber wird Jesus selbst Opfer dieser Grenzziehungen: das Neue, was er brachte, war bedrohlich, nicht verkraftbar: weder für die Religion noch für die Politik.
Komm uns nicht zu nahe, sagen sie. Alles soll bleiben wie es ist. Störe nicht die Ordnung, die wir so mühsam aufrechterhalten. Und wenn du nicht ruhig sein willst, dann weg mit dir, raus, auch wenn
du dabei umkommst.
Wenn der Verfasser des Hebräerbriefes Jesus als ein solches „Sündopfer“ zum Grossen Versöhnungstag deutet, dann bleibt er natürlich in einem grausamen
Sprachspiel. Wie der Sündenbock wird er in die Wüste gejagt; so, wie beim Sündopfer das Fleisch des Tieres draußen verbrannt wird, so stirbt er vor den Toren der Stadt. Aber der Schreiber
verbindet damit die Hoffnung, dass es nun, mit diesem einzigartigen Opfer, ein für alle mal vorbei ist mit dem rituell wiederkehrenden Blutvergießen zur Versöhnung und Reinigung.
Dieser Tod soll der letzte sein, die ewig gültige Reinigung von den Sünden, die endgültige Versöhnung.
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