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Predigt Februar 2002

Februar 2002 - Erster Fastensonntag

Predigt zu Jakobus 1,12-18

Glaube aus Erfahrung

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ein herzliches Grüß Gott und Willkommen auch meinerseits.

Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. (Jakobus 1, 13-14).

Wir befinden uns in einer spannenden Zeit – zwischen Weihnachten und Ostern. Und wir befinden uns mit unserem Gottesdienst in dieser Übergangszeit. Vor gut zwei Wochen war Maria Lichtmeß und die letzten haben ihre Christbäume aus den Stuben geräumt. Und in den letzten Tagen haben sicherlich einige von Euch Fastnacht oder Karneval gefeiert.

Und dann...

Lied: Am Aschermittwoch ist alles vorbei / die Schwüre von Treue sie brechen in zwei, von all Deinen Küssen darf ich nichts mehr wissen / wie schön es auch sei dann ist alles vorbei...

Das wird jetzt sicherlich bei einigen lebhafte Erinnerungen hervorrufen; - und das ist auch gut so. Vielleicht werden einige unter Euch auch in Köln gefeiert haben, beim Rosa-Funken-Ball, auf der Hohen Pforte, in der Brennerei Weiß, -- oder anderswo.

Am Aschermittwoch ist mitnichten alles vorbei – Aschermittwoch ist der gemeinsame Aufbruch zur österlichen Bußzeit. 40 Tage zur Vorbereitung auf das Osterfest.

40 Jahre ist das Volk des Alten Bundes durch die Wüste gezogen, um das Land der Verheißung betreten zu können.

40 Tage verbrachte Mose auf dem Berg, um Gottes Gebote entgegenzunehmen.

40 Tage fastete Jesus in der Wüste, widerstand dem Versucher und verkündete dann die Botschaft vom Reich Gottes.

Heute feiern wir den 1. Fastensonntag (Invokavit)

Fastnacht / Karneval, was hat das für eine Bedeutung für uns?  – heute! Man kann die Begriffe deuten als Fleischwegnahme (von carne vale) oder als den Ausschank von Bier und Wein vor der Fastenzeit (von vast Schanc). Wie auch immer , Fastnacht / Karneval bezeichnet einen Einschnitt, eine Zeit des Umbruchs.

Manchen stößt dieses exezessive Treiben auf. Der Höhepunkt der Karnevalssession, der gleichzeitig aber auch ihr Endpunkt ist, ist gekennzeichnet durch ausschweifigen Genuß, voar allem auch leiblicher Gelüste. Der Rosenmontag hieß früher treffend „Geiler Montag“.

Wie ist dann in Einklang zu bringen mit unserem Glauben?

Ist das Karnevalstreiben, wie es Kardinal Faulhaber 1934 formulierte, bloß noch ein Irrläufer ohne jenes innere Recht, welches von jenen gefeiert wird, die die fleischlosen Festtage der Kirche nicht mitmachen?

Sicherlich ist Fastnacht / Karneval stärker in den katholischen Gebieten verwurzelt, weil es – nach anfänglichen Versuchen der Unterbindung, von der Kirche gefördert worden ist und eingebaut wurde in die liturgischen Zeiten. Evanglischerseits wurde dieses Treiben auf das heftigste bekämpft, aus einer Fehlvorstellung, wie ich glaube, heraus. Evangelische Kirchen sahen in der Fastnacht – bis in die heutigen Tage hinein  übrigens, eine Zersetzung aller sittlichen Zucht und Ordnung, der durch dieses Treiben aufs stärkste Vorschub geleistet werde; – einfach als geschmacklos – gottlos – taktlos!

Kommt uns das nicht bekannt vor? Auch katholischerseits ist diese Befürchtung laut geworden, aber nicht mit voller Ablehnung des Festes ansich, sondern mit der Ermahnung sich des Sinnes des Festes bewusst zu werden.

Meines Erachtens muß Fastnacht/Karneval im Zusammenhang zur Fasten- und Osterzeit gesehen werden. Nur in diesem Dreiklang – Fastnacht – Fastenzeit – Ostern findet der Karneval seine volle Wirkung und sein Dasein und seine Berechtigung. Die innere Ausrichtung dieser beiden liturgischen Zeiten auf Ostern hin ist durch eine äußere Gegensätzlichkeit charakterisiert, die einen wie ich finde notwendigen Spannungsbogen formt. Außen und innen, Straße und Haus, Unruhe und Ruhe, Lüge und Wahrheit, Antischöpfung und Schöpfung, Vergänglichkeit und Ewigkeit...

Wir bereiten uns auf das Osterfest vor. Das heißt, wir müssen bereit sein. Dazu gehört eine innere Umkehr. Diese Umkehr wird durch das Erleben des Gegenteils ermöglicht. Blieben wir im Diesseits, drehten wir uns nur uns selbst und käme nicht mehr heraus. 

So begreife ich Karneval als das Aufeinandertreffen zweier Welten. Im Karneval halten wir uns und wird uns ein Spiegel vorgehalten. Uns wird die Lebensalternative zwischen Diesseits – und Jenseitsorientierung aufgezeigt. Für eine kurze, vergängliche Zeitspanne wird eine Gegenwelt zu dem aufgebaut, was für uns das christliche Leben bedeutet. Die Eigenliebe wird der Nächstenliebe gegenübergestellt. Lebt in der Eigenliebe nur die Befriedigung der eigenen Neigungen und Triebe, so offenbart sich die Nächstenliebe als die wahre, übergreifende, christliche Liebe. Was keineswegs bedeuten soll, daß wir asketisch, keusch, enthaltsam leben sollten. Nein, das nicht, wohl aber füreinander, miteinander, in gegenseitiger Achtung und Verbundenheit.

Wir werden vor die Wahl gestellt, uns frei zu entscheiden, in welcher der Welten wir leben wollen. Wir sind um Christi willen Narren geworden (1 Kor, 4, 10). Aber wir entsagen unserer Triebhaftigkeit, durch die wir dem Untergang verfallen wären. Wir entscheiden uns für die Frömmigkeit und gegen die Lasterhaftigkeit. Wir entscheiden uns für ein bewusstes, selbstbestimmtes Leben und erfahren die Fastenzeit als einen Prozeß innerer Erneuerung. Wir dokumentieren die Bereitschaft zur Hinwendung nach Jerusalem (nach dem himmlischen Jerusalem) und den kollektiven Eintritt in den Beginn der Fastenzeit.

Vokstümlich wird dies durch die seit den 1980er Jahren wieder populär gewordenen Nubbelverbrennungen ausgewiesen. Der Nubbel, eine Strohpuppe, wird im Feuer verbrannt, muss für alle Verfehlungen in den tollen Tagen herhalten, für die Wollust und die Geilheit, für den Alkoholkonsum und anderes mehr. In Litaneien wird der Tod des Nubbels besungen und werden unsere Verfehlungen beklagt. Ein letztes Mal werden die gängigsten Karnevalslieder gesungen, um dann der Ruhm Raum greifen zu lassen.

Am Aschermittwoch folgt dann die individuelle Umkehr, symbolisiert durch den Empfang des Aschenkreuzes in der (katholischen) Kirche.

Setz Dir Perücken auf von Millionen Locken, setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, Du bleibst doch immer, wer Du bist.(Goethe, Faust)

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