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Januar 2002
Predigt zu 2. Petr. 1, 16-19 (20 f.)
Glaube aus Erfahrung
Liebe Queergemeinde!
(1) Ein Blick in das aktuelle Kinoprogramm bestätigt es: Es gibt ein tiefes menschliches Bedürfnis nach Mythen und
Märchen, nach Fabeln und phantasievollen Geschichten. „Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ sind nur zwei Beispiele, die das belegen.
Warum haben diese Streifen so einen Erfolg? Dahinter steckt ganz sicher der Wunsch nach Unterhaltung und Abwechslung. An den vollen Kinosälen zeigt sich aber auch eine
fast unbändige Freude an Phantasie und Kreativität. Hier zeigt sich die Faszination des Geheimnisvollen, des Phantastischen, des Rätselhaften. Ein ganzes Szenario magischer, poetischer, bunter
Lebensträume und Traumwelten entfaltet sich vor dem Auge des Betrachters oder der Betrachterin. Wir lassen uns entführen in eine Traumwelt, allein geboren aus der Kraft menschlicher Phantasie.
Das Erlebte entfaltet eine Wirkung, die über die Dauer der Vorführung hinausreicht: Die Bilder beeindrucken uns, auch wenn wir das Kino längst wieder verlassen haben.
Das Geschaute klingt nach, wirkt nach, bleibt haften ...
Und wir lieben es auch, selbst in derartige Phantasiewelten einzutauchen: uns zu verkleiden, zu präsentieren, zu stylen.
Der bevorstehende Karneval – Verzeihung, jetzt habe ich mich geoutet! Ich meine natürlich: Fasching – bietet bald wieder die Gelegenheit dazu. Aber auch jedes
Wochenende locken zahlreiche nächtliche Events damit, sich entführen zu lassen in die Traumwelt der bunt glitzernden Diskolichter und einzutauchen in den Rhythmus tanzender Körper, in dem die
Wirklichkeit verschwimmt.
Den Rausch von Illusion und Magie, den Zauber von Poesie und Traum lassen wir uns nicht nehmen, auch wenn wir letztlich wissen, dass der Alltag uns wieder einholen
wird.
(2) Ist vielleicht auch dieser Queergottesdienst eine solche Scheinwelt? ... der allmonatliche, sentimentale Ausflug in eine
verloren gegangene Heimat kirchlicher Geborgenheit? Unwirklich, irreal für eine Kirche, deren Ideal und Leitbild von Liebe, Partnerschaft und Lebensform so ganz anders aussieht als die
Lebenswirklichkeit der meisten von uns?
Aber auch genauso irreal für die Szene – diese schillernde und faszinierende, anziehende und zugleich befremdliche schwul-lesbische Parallelwelt: „Wie, Du bist
bei diesem Haufen immer noch dabei!? Das Ganze hat doch sowieso keinen Zweck; die Kirche ist einfach unbelehrbar.“
(3) Auch im heutigen Predigttext ist von Phantasien und Traumwelten die Rede: je nach Bibelübersetzung von ausgeklügelten
Fabeln und Mythen, von Märchen und Geschichten, die sich Menschen ausgedacht haben. Der Verfasser des zweiten Petrusbriefes, aus dem wir einen Ausschnitt gehört haben, bezeichnet damit die Position
seiner Gegenspieler, deren Argumente er entkräften will.
Der Briefschreiber bedient sich der Autorität des Petrus (und so bleibe ich im Folgenden bei der männlichen Form, auch wenn wir nicht sagen können, wer diese Zeilen
geschrieben hat). Der Brief ist ein relativ spätes Zeugnis des Neuen Testaments: geschrieben vermutlich im ersten Drittel des zweiten Jahrhunderts. Dieser Brief ist eine Art Testament, ein Vermächtnis,
geschrieben in einer Zeit des Umbruchs für die jungen Gemeinden.
Die Wiederkunft Jesu hatte sich nicht so schnell erfüllt, wie man geglaubt hatte. Der historische Abstand zum Auftreten Jesu wuchs. Dies stellte die Gemeinden vor neue
Fragen und neue Herausforderungen. Zweifel stiegen auf, aber auch Auseinandersetzungen über die richtige Lehre. Worauf ließ sich die Botschaft gründen, der man folgte? Welcher Maßstab sollte gelten?
War vielleicht alles nur ein gut ausgeklügeltes Märchen gewesen?
(4) Dem Briefschreiber geht es in dieser Situation darum, die apostolische Lehre zu sichern und gegen abweichende Meinungen
abzugrenzen. Der Verfasser verwendet Begriffe aus der Mythenkritik seiner Zeit. Er baut eine mehrteilige Argumentationskette auf, um zu belegen, warum es vernünftig ist, auf die Wiederkunft Christi zu
bauen.
Als wichtigster Beleg dient ihm die Verklärung Christi, bei der eine Stimme aus dem Himmel Jesus als geliebten Sohn bestätigt: Die Verklärung Jesu ist für den Absender
des Briefes ein sicher bezeugtes Ereignis: Es gibt Augen- und Ohrenzeugen. Die Verklärung, von der die Evangelien sprechen, ist für den Schreiber die Vorwegnahme der Wiederkunft Christi. Die Rückkehr
des auferstandenen und erhöhten Christus gilt ihm damit als zuverlässig. Denn die Lehre der Apostel ist sicher, weil sie sich auf Augen- und Ohrenzeugen berufen kann. Auf dieses Zeugnis stützt der
Briefschreiber seine Argumentation. Das, was die Apostel auf dem Berg der Verklärung geschaut haben, wirkt nach, hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, ist haften geblieben.
Ja, mag der ein oder die andere jetzt denken: Der damalige Verfasser hatte es noch leicht. Mit einer solchen Argumentation – unbelastet von den Fragen nach
Textkritik und kritischer Exegese - würde heute kein Theologe, keine Theologin mehr durchs kirchliche Examen kommen. Zweitausend Jahre Theologiegeschichte haben eben ihre Spuren hinterlassen.
Allerdings geht es dem Verfasser nicht um „harte Fakten“, wie wir heute so gerne sagen. Wenn er von einem Augenzeugenbericht spricht, so verwendet er an dieser
Stelle einen Begriff aus der religiösen Umwelt seiner Zeit: Es geht um ein gläubiges Sehen, um das Erfassen einer tiefer liegenden Wirklichkeit. Und noch etwas kommt hinzu: Das, was die Apostel
erfahren haben, was in den Gemeinden überliefert und schließlich in den Evangelien aufgeschrieben wurde, wird bestätigt durch die Worte der Propheten, lässt sich deuten mit den Schriften des Alten
Testaments.
(5) Aber der Schreiber des Briefes weiß, dass seine Argumentation dennoch nicht ungeteilten Zuspruch finden wird. Er sieht
sich abweichenden Meinungen gegenüber. Es bleibt dabei: Wort steht gegen Wort, Geist gegen Geist, Auslegung gegen Auslegung. Welche Auslegung der Schriften ist richtig? Was ist wahr, was nicht? Fragen,
welche die jungen Gemeinden schon damals beschäftigten, noch lange bevor man sich darauf einigte, welche Texte verbindlich zum Neuen Testament gehören sollten. Und diese Fragen sind durch die ganze
Kirchengeschichte leidvoll aktuell geblieben.
Der Verfasser gibt keine direkte Antwort. Aber eines macht er deutlich: Er betont, wie wichtig das Zeugnis gläubiger Erfahrung für all das ist, von dem er schreibt.
Diese gläubige Erfahrung ist das Vermächtnis, das er den Adressaten und Adressatinnen seines Briefes hinterlassen will. Und diese Kette gläubiger Erfahrung ist bis heute nicht abgerissen. Sonst
würden wir heute nicht hier sitzen.
(6) Welche Erfahrungen haben uns zusammengeführt? Welche Augen- und Ohrenzeugen sind wir? – Ich möchte noch einmal
auf die Frage zurückkommen, welche Erwartungen sich mit diesem Queergottesdienst verbinden: eine Scheinwelt sentimentaler Erinnerung, die Illusion einer Geborgenheit, die in Wirklichkeit doch längst
zerbrochen ist?
Am ersten Wochenende des neuen Jahres gab es nicht nur das traditionelle Dreikönigstreffen der F.D.P. Erstmals trafen sich in Frankfurt am Main auch Mitglieder der
verschiedenen deutschsprachigen Queergemeinden und schwul-lesbischen Gottesdienstprojekte, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen – als Gemeinden, aber auch ganz persönlich.
Einer der Teilnehmer umschrieb seine Erfahrung mit dem kurzen, aber treffenden Satz: „coming out – coming home“. Diese vier Worte können persönlich
ganz verschieden gefüllt werden: Es muß nicht das Coming-out im klassischen Sinne sein.
Coming-out: Das ist die Erfahrung, dass der eigene Lebensweg auf einmal erschüttert wird, dass ich aus der gewohnten Bahn geworfen werde; das ist die Erfahrung, dass alles fraglich wird, dass ich nach neuen Wegen suchen muss. Das kann der Weg durch die Todesschattenschlucht sein, wie es in der Sprache der Psalmen heißt. Das kann zur Erfahrung von Ausgrenzung und Auszug werden, das Gefühl, auf einmal nicht mehr dazu zu gehören, weil ich anders bin. Das kann diese seltsame Mischung aus Auflehnung und Trauer, Wut und Enttäuschung sein.
Doch gerade diese Erfahrung kann zum Coming-home werden: zur Erfahrung, dass ich zu mir selbst gefunden habe, dass ich angenommen bin, so wie ich bin; dass ich angesprochen bin mit allem, was mich ausmacht – mit meinem ganzen Leben, mit seinen Brüchen, mit Scheitern und Gelingen, mit meinem Mut und mit meiner Ängstlichkeit. Die Todesschattenschlucht weitet sich und ein neuer Horizont bricht auf: Und schon jetzt ereignet sich ein Stück Auferstehung, ereignet sich Versöhnung, ereignet sich Verklärung – im Hier und Jetzt.
„coming out – coming home“. Oder anders forumliert, wie derselbe Teilnehmer sagte: „Wir sind eine Gemeinde von Auferstandenen.“ Das ist die
gemeinsame Erfahrung, die uns verbindet, wenn wir uns als Getaufte zum Gottesdienst versammeln – so verschieden wir auch alle untereinander sind. Und diese lebendige Erfahrung wird zur Verheißung
einer Zukunft, die wir gemeinsam feiern, deren Anbruch wir schon erfahren durften und deren Vollendung wir gemeinsam entgegen gehen können.
(6) Und diese Erfahrung dürfen wir mit dem Verfasser des zweiten Petrusbriefes teilen – trotz des Abstands von
zweitausend Jahren: Glaube gründet in lebendiger Erfahrung.
Dabei gibt es Durststrecken, Todesschluchten, Wegstrecken, wo alles fraglich wird. Aber unsere Hoffnung gründet auf Erfahrungen, die wir mit anderen teilen dürfen -
aufgezeichnet in den biblischen Schriften, gesammelt, weitergedacht, verdichtet, erlebt und erlitten – bis heute. Auf diesem Fundament können wir unseren Weg gehen – auch hier und heute!
Und dieses Tun wird nicht ohne Wirkung bleiben. Wo Christinnen und Christen sich zum Gottesdienst versammeln, geben sie Zeugnis von der Hoffnung, die sie erfüllt, lassen
sie diese real werden, verändern sie die Wirklichkeit und werden sie selbst zu Augen- und Ohrenzeugen von Gottes Verheißung – damals wie heute!
Und diese Erfahrung gläubiger Hoffnung und christlicher Verheißung wünsche ich Euch, wünsche ich uns als Queergemeinde hier in Nürnberg für das neue Jahr, das vor
uns liegt.
Amen.
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